Eichendorff in Breslau – über das Denkmal für den Dichter der Natur

Vor 10 Jahren entstand die Idee, das alte Eichendorff-Denkmal in Breslau wiederherzustellen

Am neuen Ort blickt der Dichter auf den Botanischen Garten und die Kirchen der Dominsel.

Nachdem „Bleib zuhause!“ lange Zeit als oberstes Gebot unser Leben bestimmte, darf man jetzt an die frische Luft und sich wie ein froher Wanderer fühlen. Oder besser noch: wie ein richtiger Taugenichts! Und das mit Recht, zumindest in Breslau, weil die Stadt mit der Natur und mit dem „Vater des Taugenichts“ schon immer verbunden war.

In Breslau besuchte Joseph Freiherr von Eichendorff (1788–1857) das katholische Matthias-Gymnasium und wohnte mit seinem Bruder Wilhelm im St.-Josephs-Konvikt. In der Stadt schrieb er seine ersten Gedichte, besuchte regelmäßig Theater und spielte selbst im Schultheater (überwiegend weibliche Rollen, weil er zierlich gebaut war). Hier heiratete er Aloysia von Larisch, genannt Luise. Bis heute bleibt es ein Rätsel, warum seine Eltern nicht zur Trauung nach Breslau kamen. Wir wissen aber, dass Joseph und Luise im April 1815 heirateten und im August des gleichen Jahres der erstgeborene Sohn Hermann zur Welt kam! Und obwohl auf den Seiten der Schlesischen Tagebücher kein literarisches Genie zu erblicken ist (hier eine kleine Probe: „Giengen alle Studenten zum ersten male in Fürstengarten mit türkischer Musik aus. Es wurde in Leerbeutel gefrühstückt, Ballon gespielt, und ein, mit Fleiße dazu verfertigtes Gedicht abgesungen. Das erste Gewitter. Abends in Emilia Gallotti.“), muss man zugeben, dass niemand schöner über die Natur schreiben konnte, als Eichendorff.

Deshalb wurde ihm mit Recht schon am 27. Juni 1911 ein Denkmal aufgestellt. Unter den alten Eichen im Scheitniger Park, heute Park Szczytnicki, steht bis heute ein großer, grauer Sockel aus Grünsfelder Muschelkalk, der ursprünglich zu dem Eichendorff-Denkmal gehörte. Das alte Denkmal lässt sich nur auf alten Postkarten bewundern. Man sieht einen eleganten wandernden Jüngling, der in der rechten Hand Wanderstab und Mütze hält. Der linke, leicht ausgestreckte Arm lädt zum Wandern ein. Der Autor des Denkmals war der in Budapest geborene und mit Frankfurt am Main verbundene Künstler Alexander Kraumann. Der schmale Kopf des Dichters wurde nach einem Stich Franz Kuglers modelliert, der mit Eichendorff befreundet und Autor des Liedes „An der Saale hellem Strande“ war. An den Seiten wurden zwei flache Reliefs angebracht: Auf einem davon ist eine junge Frau mit einer Laute unter dem Lindenbaum zu sehen, die von einem Verehrer angeschwärmt wird – es handelt sich um eine Anspielung auf Eichendorfs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts. Auf dem anderen ist der Abschied eines Freiwilligen von seiner Braut abgebildet, sicher ebenfalls eine Anknüpfung an das Leben des Dichters: Nach dem Aufruf Friedrich Wilhelms III. An mein Volk eilte Eichendorff zügig nach Breslau, um im Lützowschen Freikorps gegen Napoleon zu kämpfen. Das Denkmal bildete eine ganz gelungene Einheit. Um so mehr freut die Tatsache, dass es rekonstruiert wurde.

Im Jahre 2010 hatten die Mitglieder der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Universität Breslau e.V. die Idee, das Denkmal wiederherzustellen. Eigentlich ist ein völlig neues Werk entstanden, da nur wenige alte Postkarten und Fotos vom alten Denkmal existierten und als Vorlage dienten. Die Hauptarbeit – also die Modelfigur – fertigte der junge Bildhauer Michał Wysocki an. Die Bronzefigur wurde in der Werkstatt seines Vaters Stanisław Wysocki, der ebenso Bildhauer war, gegossen. Den in Sandstein gehaltenen Sockel fertigte Tomasz Rodziński an. Für den Dichter wurde ein neuer Platz ausgewählt: er steht mitten im Botanischen Garten der Universität Breslau. Die Lage ist ideal: auf einem leichten Hügel, direkt am kleinen Teich. Der Dichter blickt auf die wunderbare Natur des Botanischen Gartens und die Kirchen der Dominsel. Und verweilt man länger bei ihm, meint man in der Stille die Worte wahrzunehmen:

O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt’ger Aufenthalt!

Text und Fotos: Małgorzata Urlich-Kornnacka