Mutter Evas Traum und Werk

Vor 130 Jahren entstand in Miechowitz/Miechowice der „Friedenshort“

Als Eva von Tiele-Winckler 1866 zur Welt kam, gehörte ihre Familie zu den sogenannten oberschlesischen Industriemagnaten.

Ihre Vorfahren hatten vor allem durch Investitionen im Bergbau und Hüttenwesen ihr Vermögen vermehrt. Den Status eines der reichsten Geschlechter Deutschlands unterstrichen die prächtigen Residenzen in Miechowitz (heute Stadtteil von Beuthen/Bytom) und in Moschen/Moszna (heute Kreis Krappitz/Krapkowice).

Haus Friedenshort in Miechowitz, Quelle: Stiftung Diakonissenhaus Friedenshort

Bereits im Alter von 16 Jahren beschloss die junge Adlige aus Oberschlesien, notleidenden Menschen zu helfen, und diesen Plan setzte sie fortan konsequent um. Während einer Reise besuchte sie das diakonische Werk „Bethel“ bei Braunschweig. Die von Pastor Friedrich von Bodelschwingh gegründete evangelische Heil- und Pflegeanstalt inspirierte sie zu konkreten Aktivitäten. Zunächst absolvierte sie dort eine Ausbildung, um kurz darauf in einigen Räumen des Schlosses Miechowitz eine Armenspeisung einzurichten.

Eva von Tiele Winckler in den 1920er Jahren, Quelle: gemeinfrei

Schon im September 1890 wurde unweit der Tiele-Winckler´schen Residenz in Miechowitz der „Friedenshort“ eröffnet – ein von Evas Vater gestiftetes Haus für alte, kranke und pflegebedürftige Menschen, in dem später auch heimatlose Kinder Obhut fanden. Die rasche Industrieentwicklung in Oberschlesien brachte zwar vielen Menschen einen bescheidenen Wohlstand und machte die Städte moderner, aber sie forderte auch ihre Opfer. Immer mehr Notleidende suchten den Weg nach Miechowitz. Um effektiver helfen zu können und die Anstalt auszubauen, investierte Eva von Tiele-Winckler, mittlerweile Mutter Eva genannt, das ihr zur Verfügung stehende Vermögen vollständig in die Diakonie des „Friedenshortes“. So entwickelte sich mit der Zeit die Einrichtung zu einem großen Komplex, der allein in Miechowitz 28 Gebäude umfasste und in anderen Orten in und außerhalb Schlesiens weitere Heime betrieb. In den 1930er Jahren waren ca. 800 Diakonissen für den Friedenshort tätig. Nach der Übernahme Deutsch-Oberschlesiens durch die polnische Verwaltung wurde der „Friedenshort“ im August 1945 – 15 Jahre nach dem Tod seiner Gründerin – aufgelöst und die meisten Diakonissen zur Ausreise gezwungen.

Arbeit im Garten, im Hintergrund Schloss Miechowitz, Quelle: Stiftung Diakonissenhaus Friedenshort 

Das Werk Mutter Evas wird heute sowohl in Deutschland von der Stiftung Diakonissenhaus Friedenshort als auch – nach einer erzwungenen Unterbrechung – in ihrem Heimatort von der dortigen protestantischen Gemeinschaft fortgesetzt. Die meisten Gebäude des Miechowitzer Ensembles sind infolge der Kriegshandlungen 1945 und durch Bergbauschäden zerstört. In dem bescheidenen Holzhaus auf dem Gelände des Friedenshorts, in dem die Wohltäterin bis zum ihrem Tod 1930 wohnte, befindet sich heute ein kleines Museum.

Text: Dawid Smolorz