Die Idee der Breslauer Zwerge ist 20 Jahre alt

In der niederschlesischen Hauptstadt wohnen derzeit über 600 Zwerge. Tendenz steigend

Das Kunstprojekt erinnert an die antikommunistischen Proteste der 1980er Jahre in Breslau/ Wrocław.

Derzeit wohnen in der niederschlesischen Hauptstadt mehr als 600 Zwerge – und jeden Monat kommen neue dazu. Warum? Bestimmt fühlen sich in Breslau/ Wroclaw besonders wohl! Sie erfreuen sich einer unglaublichen Popularität und werden sowohl von den Kindern als auch von den Erwachsenen geliebt. Woher kommen die Zwerge und was haben sie eigentlich zu bedeuten?

Alles fing vor 20 Jahren an. Um die Jahreswende 2000/2001 schrieb die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ einen Wettbewerb für einen Zwerg aus. Er sollte an die berühmte „Orange Alternative“ anknüpfen, also an eine antikommunistische Happening-Bewegung der 1980er Jahre, deren Ziel es war, mit Hilfe von lustigen Aktionen den Unsinn, die Absurdität des damaligen politischen Systems zu zeigen, also „Sozialismus mit Hilfe des Lachens abzustürzen“. Zwerge wurden zum Werkzeug in diesem Kampf, zum Symbol des Krieges mit dem Regime. Nachdem 1981 der Kriegszustand in Polen verhängt wurde, begannen Proteste in vielen Städten. In jeder Stadt sahen sie anders aus. In Wrocław entschied man sich für eine „Zwergen-Revolution“. Zunächst erschienen an verschiedenen Gebäuden in der Stadt Freiheitsparolen, Sprüche und Slogans, die den sozialistischen Staat lächerlich machten. Diese wurden gleich mit grauer Farbe überbemalt. Und auf den grauen Flecken malten junge Menschen bunte Zwerge. Zuerst nur an den Orten, wo es früher Freiheitsparolen gab, später konnte man sie an den Häusern, Schulen und Geschäften sehen. Die Stadt war voll von Zwergen.

In den späteren 1980er Jahren wurde die Revolution der Zwerge zur Tatsache – junge, als Zwerge verkleidete Menschen eroberten die Stadt. Das größte Happening der sog. „Orangen Alternative“ fand am 1. Juni 1988 statt. Einige Tausend von Breslauern versammelten sich am Nachmittag mit selbst genähten oder gebastelten Zwergmützen in der Schweidnitzer Straße. Die Welt berichtete über die „Zwergen-Revolution“ und den historischen Umbruch. Zwanzig Jahre nach diesen Ereignissen wollte die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ dieser Breslauer Bewegung, der „Orangen Alternative“ ein Denkmal setzen. Und das sollte eben ein Zwerg sein.

Den Wettbewerb gewann 2001 der junge Künstler Olaf Brzeski. „Ich war damals ein frischer Absolvent der Kunstakademie in Breslau und hatte noch kein eigenes Atelier“, berichtet Brzeski. „Der Zwerg entstand also in der Küche meiner Freundin. Zuerst aus Lehm und als er gefährliche Rissen bekam, aus Gips“. Danach wurde die 1,50 hohe Figur aus Bronze in der Gießerei in Praszka (Praschkau) gefertigt und am 1. Juni 2001 bei der Schweidnitzer Straße aufgestellt, dort, wo die meisten Proteste angefangen haben. Korpulent, leicht nachdenklich, mit einem schelmischen Grinsen, in der Hand ein Stein (gegen die Militz) versteckt – so sieht der erste Breslauer Zwerg aus. Er steht auf einer riesigen Daumenspitze. Warum? Wenn man den Daumenfinger an der Nasenspitze hält und mit den anderen Fingern bewegt, ist die Geste klar und symbolisiert das Herumführen der Regierenden an der Nase. Einige sehen hier auch den oberen Teil des Stinkefingers…

Niemand erwartete, dass der erste Zwerg eine Lavine der Zwerge auslösen wird. Jetzt gibt es sie an jeder Ecke. Sie haben aber mit dem ersten Zwerg nichts Gemeinsames. Es war eine Marketing-Idee der Stadt. Viele Städte in Polen haben ein Symbol, ein Maskottchen, das die Touristen anlockt: Krakau – den Drachen, Warschau – die Sirene, die Stadt Lodz ihre Murals. Breslau wollte auch etwas haben. Und man entschied sich, die Zwerge auszunutzen. Die Idee hat eingeschlagen, so dass es jetzt eine ganze Armee von Zwergen gibt! Heutzutage kann man sich Breslau ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellen.

Text und Fotos: Małgorzata Urlich-Kornacka