Zum 100. Todestag von Carl Hauptmann (1858-1921)

Der Bruder des Literaturnobelpreisträgers Gerhart lebte in Schreiberhau/ Szklarska Poręba im Mittelpunkt einer Künstlerkolonie

Sein Rübezahl-Buch ist die vollendete literarische Fassung der Berggeist-Sagen.

Zum 100. Todestag von Carl Hauptmann erscheint am 4. Februar 2021 der untenstehende Text gleichzeitig in der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza (Redaktion Wroclaw) und hier in SILESIA News:

Immer wenn ein kleiner, schlanker, leicht gebückter Mann durch die Straßen von Schreiberhau ging, grüßten ihn alle Bewohner fröhlich. “Guten Morgen, Herr Doktor“. Mit einer bunten Weste unter einem geräumigen, schwebenden Mantel, mit charakteristischem Hut und einem wallenden Schal war er eine auffallende Erscheinung. Die Inkarnation des Berggeistes, der Carl Rübezahl.

Am 4. Februar jährt sich zum hundertsten Male der Todestag von Carl Hauptmann, der heute vor allem als der ältere Bruder des Literaturnobelpreisträgers Gerhart dargestellt wird. Und obwohl er in der Tat sein ganzes Leben im Schatten des großen Schriftstellers lebte, wäre es ungerecht, ihm seine Individualität abzusprechen. Zumal sein Werk aktuell eine kleine Renaissance erfährt – am Ort seines Entstehens in der polnischen Übersetzung.

Das niederschlesische Schreiberhau heißt heute Szklarska Poręba. “In der Tat war er ein schillernder Charakter”, sagt Bożena Danielska vom Muzeum Karkonoskie (Riesengebirgsmuseum) in Jelenia Góra (Hirschberg), die jahrelang die Filiale des Museums Carl-und-Gerhart-Hauptmann-Haus in Szklarska Poręba leitete und Carl Hauptmann wie kaum jemand anders kennt.

In diesem Haus in Schreiberhau hat er sich 1891 zusammen mit seinem Bruder Gerhart angesiedelt. Fasziniert vom Riesengebirge, ließen sie sich im Tal der Siebenhäuser, auch Glückstal genannt, nieder, mit einer malerischen Landschaft vor den Fenstern. Mit der Zeit bildete sich um die beiden Brüder eine Künstlerkolonie. „Die Besucher wurden natürlich durch den Namen Gerhart Hauptmann angezogen, der schon damals sehr populär war”, sagt Bożena Danielska. Den Nobelpreis für Literatur erhielt er erst einige Jahre später, im Jahr 1912. „Aber es war der charismatische Carl, der die Seele des Ortes war. Kreativ, intelligent, aufgeschlossen, inspirierte er heftige Diskussionen und provozierte Streitgespräche, die die Aufmerksamkeit aller auf ihn zogen“.

Als Vorbild für die Künstlerkolonie diente einer der berühmtesten Orte dieser Art in Europa, Worpswede bei Bremen, den Carl und Gerhart regelmäßig besuchten. „Sie verkehrten unter Menschen, die sich für eine umfassende reformatorische Bewegung einsetzten. Diese in sozialer, intellektueller und kultureller Hinsicht eine breit aufgestellte Bewegung forderte ein neues Lebensverständnis”, sagt Bożena Danielska. „Die Idee dahinter war die Erschaffung einer Welt, die nach den Prinzipien der Gerechtigkeit funktioniert. Die utopischen Träume von einem idealen System evozierten zahlreiche Versuche, alternative Gemeinschaften zu schaffen, die insbesondere das Dorfleben und die ländliche Kultur als Modell des einfachen und wahren Lebens propagierten“. Schreiberhau war hervorragend geeignet, dieses Ideengut für Schlesien auszuprobieren und hier zu verankern.

Pazifist

Carl Hauptmann hat sich dauerhaft an diesen reizvollen Ort am Fuße des Reifträgers (poln. Szrenica) zwischen dem Iser- und Riesengebirge gebunden. Er saugte das lokale Klima auf, sprach mit den Menschen und hörte sich ihre Geschichten an: über die Glasherstellung, über die geheimnisvollen Schatzsucher, Walen genannt, die das Gebirge nach Edelsteinen, Gold oder Silber durchforsteten, oder über die Laboranten, Experten in Kräuterkunde, die daraus Medikamente herstellten. Seinen künstlerischen Sinn beherrschten aber die Legenden über den Berggeist. Aus der Faszination ist 1915 das „Rübezahl-Buch“ entstanden, ein Werk, mit dem die meisten Carl Hauptmann gleichsetzen.

Fast hundert Jahre später, im Jahre 2000, wurde das Buch ins Polnische übersetzt. „Carl wählte neun Geschichten über den Berggeist aus, die damals allgemein bekannt waren”, sagt Emil Mendyk, der Autor der ersten und bisher einzigen Übersetzung des Werkes ins Polnische, an der er bei der zweiten Fassung 2008 zusammen mit Przemysław Wiater, dem im November letzten Jahres verstorbenen Direktor des Riesengebirgsmuseums, arbeitete. „Aber der Stoff war nur eine Projektionsfläche dafür, was er eigentlich erzählen wollte. Das Buch wurde während des Ersten Weltkriegs veröffentlicht. Carl, der zu dieser Zeit am Ende der Welt saß und sich in seinen Bergen verschanzte, schaute mit Abscheu auf das, was sich die zivilisierten Völker Europas gegenseitig antun. In diesen neun Geschichten zeigt Carl den Berggeist, der von seinem Gebirge kommt und mit Trauer auf die Welt schaut, auf all das von Menschenhand gemachte Unglück. Hauptmann war Pazifist, er ließ sich also nicht mitreißen von diesem nationalen Wahnsinn, der damals mindestens halb Europa infizierte, und betrachtete ihn aus der Ferne. Er war Philosoph, er war Naturwissenschaftler, ein gedankenversunkener und Natur liebender Mensch. In seinen Texten wird seine Philosophie sichtbar. Es gibt viele universelle Bezüge, zum Beispiel zu Friedrich Nietzsche, dessen Worte später stark missbraucht wurden. Dieser Berggeist ist eine Art nietzscheanischer „Übermensch“, der nach dem Besseren strebt ohne dass er überheblich wird und sich selbst als einen Besseren als die anderen sieht. Er kann alles werden, was er will, aber müssen tut er nichts. Er ist frei“.

Hauptmann war doch nicht von Anfang an Schriftsteller. Nach dem Abitur in Breslau studierte er Philosophie, Biologie und Physiologie bei Ernst Haeckel in Jena, und nach seiner Promotion in Philosophie nahm er ein Studium in Zürich bei dem berühmten Philosophen Richard Avenarius auf. Er beabsichtigte eine Habilitation und war ein ernsthafter Kandidat für Avenarius‘ Nachfolge. In Vorbereitung seiner akademischen Karriere wollte ein großes mehrbändiges Werk schreiben. Und obwohl er seine wissenschaftliche Arbeit nicht eingestellt hat, wandte er sich der Literatur zu.

Sonne

Der entscheidende Impuls, sich dem literarischen Schreiben zu widmen, soll von einer jungen Polin, Józefa Kodis-Krzyżanowska, gekommen sein. Sie lernten sich in Zürich an der von Avenarius geleiteten philosophischen Fakultät kennen, wo sie eine von nur drei Studentinnen war. Von einer eher durchschnittlichen Schönheit, eroberte sie die Männerwelt mit ihrem außergewöhnlichen Intellekt. „Man munkelt, dass sie vielen Männern das Herz gebrochen hat“, sagt Bożena Danielska. „Carl Hauptmann war wohl einer von ihnen“.

Und obwohl die Romanze nicht klappte, wurden sie Freunde für den Rest ihres Lebens. Kodis-Krzyżanowska hat ihm die Augen geöffnet für die Probleme der Polen, damals einer „Nation ohne Staat“. Vielleicht hat Carl Hauptmann deswegen die literarische Korrektur der deutschen Übersetzung von Władysław Reymonts „Die Bauern“ (poln. „Chłopi“) übernommen, für die der Autor später den Nobelpreis erhielt. “Bei der Beschreibung der Protagonisten des Romans orientierte sich Carl an echte Riesengebirgsbewohner, die er damals kannte“, verrät der Übersetzer Emil Mendyk.

Frauen waren übrigens ein eigenes Kapitel im Leben des Schriftstellers. „Obwohl er nicht besonders attraktiv aussah, war er beliebt bei Frauen“, sagt Bożena Danielska. Seine unglückliche Liebe zu Józefa Kodis-Krzyżanowska, die einige Jahre nach ihrer Heirat ausbrach, hat Carls erste Frau, Martha geb. Thienemann, schweigend ertragen. Ebenso wie die späteren, täglichen Besuche von Carls “Liederfreundin” und Muse Anna Teichmüller. Sie wurden sogar Freundinnen. Anna, eine begabte Berliner Komponistin, gab ihre Karriere für Carl auf und zog nach Schreiberhau. Sie lebte ein einsames Leben an seiner Seite und starb in Armut, lange nach seinem Tod. Er schrieb Gedichte zu ihrer Musik, sie arrangierte Lieder zu seinen Gedichten… Eine Seelenverwandtschaft.

Die erste Ehefrau Martha unterstützte ihren Mann bis zu seinem Lebensende. Als sie sich scheiden ließen, baute sie eine Villa in der Nähe. Nach seinem Tod schrieb sie in ihre Tagebücher: „Ich hatte eine Sonne, die untergegangen ist, und die Reste ihrer Strahlen müssen mir für den Rest meines Lebens genügen”.

Carls zweite Frau war Maria Rohne, eine Malerin, die er in Worpswede kennenlernte. Nach der Heirat gab sie ihre künstlerische Tätigkeit auf. Wie sie selbst schreibt: “Lebensgefährtin eines großen Künstlers und Menschen zu sein, ist ein unbegreiflich großes Geschenk. Sollte ich aber nicht gestehen, dass es mich anfangs ein großes Opfer gekostet hat, weil ich die Malerei aufgeben musste? Stattdessen habe ich etwas unendlich viel Größeres bekommen. Was Hauptmann brauchte, war genau diese Bereitschaft zu allen Stunden und Zeiten.”

Trotz seines Fleißes, seines Talents und der Unterstützung der ihm nahestehenden Menschen, wurde Carl Hauptmann kein spektakulärer literarischer Erfolg vergönnt. Derzeit wird sein Werk wiederentdeckt, auch dank deutsch-polnischer Initiativen des Ars Augusta e.V. in Görlitz, des Kulturreferats am Schlesischen Museum zu Görlitz oder des Riesengebirgsmuseums in Jelenia Góra. „Mit Konzerten, Publikationen, Vorträgen wird dem deutschen und dem polnischen Publikum nicht nur sein literarisches Werk nähergebracht, sondern es wird der Mensch Carl Hauptmann präsentiert, sein Leben und seine Wirkung in Schreiberhau, wo er im Mittelpunkt der Künstlerkolonie von überregionaler Bedeutung stand”, sagt Agnieszka Bormann vom Schlesischen Museum. Er starb hier im Alter von 63 Jahren im Jahr 1921. Sein Grab befindet sich auf dem alten evangelischen Friedhof in Nieder Schreiberhau.

Text: Agnieszka Dobkiewicz
Redaktionelle Zusammenarbeit und Übersetzung: Agnieszka Bormann

Die polnische Fassung des Textes/ wersja polska