Faszination Oberschlesien in Schwarz-Weiß

„Heimat und hajmat“ – eine Ausstellung historischer Fotografien im Museum Gleiwitz

Nicht anders als in der Landschaft der Region von heute, vermischen sich auf den präsentierten Bildern idyllische, ländliche Motive mit industriellem Ambiente.

Bei den Fotografien, die derzeit in der Villa Caro, dem Hauptsitz des Museums Gleiwitz (Muzeum w Gliwicach) in der Ausstellung „Heimat und hajmat. Oberschlesien auf den Vorkriegsfotografien aus der Sammlung des Gleiwitzer Museums“ präsentiert werden, handelt es sich nicht um eine zufällige Auswahl. Sie alle befanden sich ursprünglich in der Verwahrung des Heimatverlags Oberschlesien, der unter anderem Bildbände, Bücher und Postkarten mit regionalem Bezug herausgab. Noch vor 1945 wurde diese umfangreiche Sammlung, die ca. 7.500 Glasplatten zählt, dem Oberschlesischen Museum in Gleiwitz übergeben, der Vorgängereinrichtung des heutigen städtischen Museums. Wegen seiner deutschen Provenienz verschwand das wertvolle Material nach dem Zweiten Weltkrieg für mehrere Jahrzehnte in Kisten. Nun werden die Bilder allmählich digitalisiert – über 2.200 von ihnen sind bereits online zu sehen.

Die Ausstellung zeigt etwa 120 Aufnahmen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Unter den Fotografen befindet sich ein Name, der den Liebhabern der regionalen Geschichte nicht unbekannt sein wird, nämlich Max Steckel – ein Mann, der in Oberschlesien als Pionier der Industrie-Fotografie galt. Bei den weiteren vier Fotografen handelt es sich um Menschen, die sich nebenberuflich mit Fotografie beschäftigten, was allerdings nicht bedeutet, dass ihre Bilder weniger wertvoll sind.

Teil der Ausstellung mit Bildern von Max Steckel. Foto. Dawid Smolorz

Um eine repräsentative Auswahl treffen zu können, sichtete die Kuratorin Marta Paszko bei der Vorbereitung der Ausstellung knapp 4.000 Fotografien. Auf dieser Grundlage entstand ein vielfältiges Bild einer nicht nur im kulturellen Sinne reichen Provinz. Freilich konnten Aufnahmen der Industrieanlagen nicht fehlen, doch steht dieses Thema in einem vernünftigen Verhältnis zu anderen Motiven. Einen wichtigen Platz nehmen in der Ausstellung sakrale und profane Baudenkmäler sowie Panoramabilder oberschlesischer Kleinstädte und Dörfer ein. Die ersteren, weil einige von ihnen das Jahr 1945 nicht überstanden, die letzteren, weil sie heute in derselben Form meist nicht mehr zu wiederholen wären. Ein spannendes Erlebnis ist zudem die fotografische Begegnung mit der Volkskultur der Region, und zwar nicht nur wegen ihres Reichtums und Originalität, sondern auch wegen der seltenen Möglichkeit, Gesichter von Menschen zu sehen, die vor 100 Jahren in Oberschlesien lebten.

In der Ausstellung. Foto. Dawid Smolorz

Nicht zufällig ist der frappierende Titel der Ausstellung (Heimat und hajmat). Denn mit ihrem Vorhaben wollen die Organisatoren zum Nachdenken über die aktuelle Bedeutung der Heimatfotografie und zu einer neuen Interpretation der Bilder anregen, die in einer konkreten Zeit und einem konkreten Kontext entstanden.

Die Ausstellung „Heimat i hajmat. Górny Śląsk na fotografii przedwojennej ze zbiorów Muzeum w Gliwicach“ wird bis zum 19. April dieses Jahres in den Räumen „Czytelnia sztuki“ im Museum Gleiwitz an der Straße ul. Dolnych Wałów 8a präsentiert.

Die bereits digitalisierten Fotos aus dem Archiv des Heimatverlags Oberschlesien können auf der Homepage des Museums oder auf dem Portal Szukaj w Archiwach eingesehen werden.

Die Liste aller digitalisierten Aufnahmen ist hier zu finden (Polnisch).

Text: Dawid Smolorz