Das neue Leben des Bürgerlichen Brauhauses in Tichau
In den vergangenen Jahren verwandelte sich die beeindruckende Anlage in ein multifunktionales Kulturzentrum mit Restaurant und Veranstaltungsräumen.
Das Schicksal des historischen Ensembles hätte ganz anders verlaufen können. Zum Beispiel so wie das der ehemaligen Schultheiss-Brauerei in Beuthen (Bytom), die 2004 komplett abgerissen wurde, und an derer Standort sich heute ein Supermarkt befindet. Das Bürgerliche Brauhaus in Tichau (Tychy) hatte vor allem deshalb mehr Glück, weil es noch rechtzeitig von einem Menschen erworben wurde, der sich mit dem Ort und der Region verbunden fühlt, eine klare Vision hatte und sie umzusetzen wusste. Aus einer Brauerei, die bereits 1997 ihre ursprüngliche Funktion verloren hatte, machte er ein modernes, multifunktionales Zentrum, in dem auch Kultur großgeschrieben wird.

Als Viktor Mokwa, der in dem westlich von Tichau gelegenen Wyrow (Wyry) seine Wurzeln hat, Ende der 1990er Jahre die Anlage zum ersten Mal sah, dachte er gleich an historische Industrieensembles in Deutschland und den Niederlanden, die heute als Kulturzentren dienen. Und er beschloss, auch wenn es viel Zeit und Aufwand kosten sollte, für Tichau und Oberschlesien eine ähnliche Einrichtung zu schaffen. Wie er sich erinnert, beeindruckten ihn nicht nur die Schönheit und das Potenzial der Anlage, sondern auch das Logo der Brauerei. Die zwei Figuren, die sich Hände reichen, interpretiert er heute als Symbol seiner eigenen Mission, die darin besteht, einen Ort für Menschen aufzubauen, die sich ihr Leben ohne Kultur nicht vorstellen. Mokwa ist ein in seine Heimat verliebter Oberschlesier, der einen großen Teil seines Erwachsenenlebens im Rheinland verbrachte. Dort war er (und ist immer noch) als Unternehmer in der Textilbranche tätig.


Quelle: https://tichauer.pl
Beim „Tichauer Browar Obywatelski“, wie das ehemalige Bürgerliche Brauhaus heute offiziell heißt, handelt es sich wohlgemerkt um die jüngere der beiden Brauereien in der Stadt. Das mittlerweile auch deutschlandweit bekannte Bier der Marke „Tyskie“ wird in der 1629 gegründeten und etwa drei Kilometer entfernten Fürstlichen Brauerei gebraut. Das Bürgerliche Brauhaus wurde 1897 gegründet, ist also mehr als zweieinhalb Jahrhunderte jünger und stand immer einigermaßen im Schatten des älteren fürstlichen Werkes. Über längere Zeiträume waren beide Betriebe keine Konkurrenten, sondern bildeten einen einheitlichen Konzern. Auch heute kann vom Konkurrenzkampf keine Rede sein, da im „Tichauer“ das Bier der reaktivierten Marke nur eine von mehreren Komponenten ist. Das goldene Getränk kann man dort zwar genießen, doch ist es eher als Ergänzung zum Kulturerlebnis gedacht.


Gäste, die zum ersten Mal die im Westen Tichaus gelegene Anlage besuchen, sind von ihrer Größe und ästhetischen Architektur überrascht. Wie erwähnt, beherbergt die ehemalige Brauerei heute ein multifunktionales Zentrum, das eine Kunstgalerie, ein Restaurant, einen Musik-Club sowie Konferenz- und Geschäftsflächen (den sog. IT-Loft-Park) umfasst. Als Gebäudeensemble von besonderem Wert für die regionale Industriegeschichte ist „Tichauer“ ein Standort auf der Route der Technikdenkmäler der Woiwodschaft Schlesien.
Text: Dawid Smolorz
