Das Polen der Zwischenkriegszeit war ein Vielvölkerstaat, in dem nationale Minderheiten ein Drittel der Bevölkerung ausmachten
Deutsche Siedlungen gab es dabei nicht nur im Westen, sondern in den meisten Regionen des Landes.
Freilich konzentrierte sich das deutsche Leben in der Zweiten Polnischen Republik (1918-1939) in den ehemals preußischen Landesteilen Ostoberschlesien, Großpolen (auch als Posener Land bezeichnet) und dem zwischen Thorn (Toruń) und der Ostseeküste gelegenen Pommerellen. Doch gab es auch in Mittel- und Ostpolen größere deutsche Siedlungsgebiete. Ein interessanter Fall war Lodz (Łódź). Zwar war der Ort bereits im Mittelalter gegründet worden, doch entwickelte er sich erst im 19. Jahrhundert vor allem im Zusammenhang mit der Einwanderung deutscher Bevölkerung aus Schlesien und Sachsen zu einem großen Zentrum der Textilindustrie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war fast jeder zweite von den 300.000 Stadteinwohnern ein Deutscher. Obwohl der Anteil in der Zwischenkriegszeit infolge des Zuzugs von Polen und Juden auf ca. zehn Prozent sank, blieben die Deutschen dennoch eine bedeutende und einflussreiche Gruppe.


Etwa 50.000 Deutsche lebten im polnischen Teil Wolhyniens. Es handelte sich dabei um die Nachkommen der Siedler, die sich im 19. Jahrhundert in dieser Region niedergelassen hatten, als sie noch zum Zarenreich gehörte. Auch in dem westlich von Wolhynien gelegenen Raum Lublin gab es deutsche Siedlungen, die zwischen dem späten 18. Jahrhundert und den 1860er Jahren entstanden. Die jüngeren von ihnen wurden wohlgemerkt nicht von den aus Deutschland eingewanderten Kolonisten gegründet, sondern von Deutschen, die sich unmittelbar nach den Teilungen der polnisch-litauischen Adelsrepublik im ausgehenden 18. Jahrhundert in Mittelpolen niedergelassen hatten. In der Volkszählung von 1931 gaben knapp 15.000 Einwohner der Woiwodschaft Lublin Deutsch als Muttersprache an.

Mit dem Sammelbegriff „Galizien-Deutsche“ bezeichnete man die Nachkommen von Bauern, Handwerkern, Kaufleuten und Beamten, die nach 1772 in dem österreichisch gewordenen Süden der ehemaligen Adelsrepublik ihre neue Heimat fanden. Im Rahmen der sog. Josephinischen Kolonisation wurden allein in den 1780er Jahren vor allem im östlichen Teil Galiziens über 120 deutsche Siedlungen gegründet. In der Zwischenkriegszeit lebten im ehemaligen österreichischen Teilungsgebiet Polens zwischen 40.000 und 60.000 Deutsche.

Quelle: Das Deutschtum in Polen, Bd. 5, Kleinpolen. Pomorska Biblioteka Cyfrowa, https://pbc.gda.pl/
Deutsche Siedlungen gab es auch in den entlang der Weichsel gelegenen kujawischen und masowischen Gebieten. Sie entstanden entweder zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf Initiative polnischer Magnaten und Bischöfe oder nach der zweiten bzw. dritten Teilung Polens (1772, 1793), als ganz Kujawien und ein großer Teil Masowiens kurzzeitig zu Preußen gehörten. Obwohl diese Landstriche nach dem Wiener Kongress (1815) an Russland angeschlossen wurden, wanderten die Deutschen nicht ab. Dieser Gruppe widmet Maciej Falkowski mehrere Kapitel seines Anfang 2026 erschienenen Buches „Nasi Niemcy“ (Unsere Deutschen). Die Deutschen aus Kujawien und Masowien sind auch ein Schwerpunkt im Freilichtmuseum der Weichselniederung (Skansen Osadnictwa Nadwiślańskiego) in Wiączemin Polski bei Płock.

In der Zwischenkriegszeit lebten in Polen bis zu einer Million Menschen mit deutscher Muttersprache (3 bis 3,5 Prozent der Gesamtbevölkerung). Die Deutschen aus den östlichen Regionen des Landes wurden meist 1940, nach der Zerschlagung Polens durch das „Dritte Reich“ und die Sowjetunion auf der Grundlage eines Vertrags zwischen Berlin und Moskau in die unter deutscher Kontrolle stehenden Gebiete umgesiedelt. Die Deutschen aus den mittel- und westlichen Regionen der Zweiten Polnischen Republik Polens wurden hingegen überwiegend entweder 1944/1945 vor der Front evakuiert oder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben.
Text: Dawid Smolorz
