Ein Breslauer schuf „Danish Dynamite“

Vor 40 Jahren begeisterte er bei der Weltmeisterschaft

Sepp Piontek ist einer der interessantesten Trainer in der Fußballgeschichte.

Sepp Piontek ist einer der interessantesten Trainer in der Geschichte des deutschen Fußballs. Obwohl – vielleicht eher des dänischen. Er führte diese Mannschaft in den Profifußball ein und versah sie mit einem besonderen, weltweit verehrten, extrem offensiven Spielstil.

Bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko verlor die westdeutsche Nationalmannschaft zweimal – im denkwürdigen Finale gegen Argentinien (2:3) und in der Gruppenphase gegen Dänemark (0:2). Die dänische Mannschaft wurde damals von dem aus Breslau stammenden deutschen Trainer Sepp (eigentlich Josef Emanuel Hubertus) Piontek geleitet.

Dieser Sieg war kein Zufall. Die Dänen gaben damals ihr WM-Debüt, sorgten aber mit ihrem offensiven, kompromisslosen Spielstil für Furore und gewannen alle Gruppenspiele. Neben dem sensationellen Sieg über Deutschland besiegten sie unter anderem den Favoriten Uruguay mit 6:1. Manche sahen sie bereits im Kreis der Favoriten auf den Weltmeistertitel. Doch schon im Achtelfinale wurden sie von Spanien gestoppt. Dänemark verlor nach einem turbulenten Spiel mit 1:5, obwohl es zunächst mit 1:0 in Führung gelegen hatte.

Sepp Piontek. Quelle: Lars Schmidt, wikipedia
Werder über alles

Sepp Piontek wurde am 5. März 1940 in Breslau geboren. Entgegen hier und da auftauchenden Informationen war sein Vater nicht Leonard Piontek, der 1913 in Königshütte geboren wurde, 1937 seinen Nachnamen in Piątek änderte und Fußballspieler der polnischen Nationalmannschaft war, sogar bei der Weltmeisterschaft 1938 spielte, während des Krieges für Germania Königshütte spielte und sich nach dem Krieg in Polen niederließ, obwohl man ihm vorwarf, während des Dritten Reiches für eine deutsche Mannschaft gespielt zu haben. Es handelt sich lediglich um eine Namensgleichheit.

Sepp Piontek kam nach dem Krieg nach Westdeutschland, wuchs in Ostfriesland auf und begann, Fußball zu spielen. Auf dem Rasen feierte er einige Erfolge. Er schaffte es sogar in die A-Nationalmannschaft der BRD und bestritt dort sechs Spiele. Angeblich hätte es nicht viel gefehlt, und er wäre zur Weltmeisterschaft 1966 gefahren. Als Fußballer gewann er zudem mit Werder Bremen die deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal. Er spielte 12 Jahre lang (1960–1972) für diesen Verein und bestritt insgesamt 278 Spiele.

Diejenigen, die ihn auf dem Platz gesehen haben, erinnerten sich daran, dass er sich schon damals durch seinen kompromisslosen Spielstil auszeichnete und dadurch ein Publikumsliebling war. Und das, obwohl er in der Abwehr spielte – einer Position, auf der es nicht leicht ist, zum Helden der Tribünen zu werden. Man nannte ihn „Der Büffel“.

Auf der Trainerbank. Mit Haiti war es fast soweit

Eine Verletzung führte dazu, dass er vom Spieler zum Trainer wurde. Drei Jahre lang trainierte er Werder, anschließend zwei weitere Vereine – Fortuna Düsseldorf und den FC St. Pauli –, und dazwischen hatte er auch ein kurzes Intermezzo als Trainer der haitianischen Nationalmannschaft (1976–1978), mit der er beinahe die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien erreicht hätte. Von der haitianischen „Dynamite“ sprach jedoch niemand.

1979 übernahm er Dänemark, sicherlich eine weniger exotische Nationalmannschaft als die aus der Karibik, aber damals war es eine Mannschaft ohne Renommee, ohne Erfolge, die nicht ganz ernst genommen wurde. Immerhin hatte Haiti zumindest bereits eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft (1974) vorzuweisen – Dänemark konnte das nicht von sich behaupten. Kein Wunder, dass zwei andere deutsche Trainer das Angebot, diese Mannschaft zu trainieren, abgelehnt hatten. Sepp Piontek war der Dritte, an den sich der dänische Verband wandte. Für ihn war es eine Chance, also nahm er das Angebot an.

Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1982 gelang zwar noch nicht, doch 1984 führte Sepp Piontek die Dänen zur Teilnahme an der Europameisterschaft, wobei sie in der Qualifikation unter anderem England besiegten. Bei der Endrunde erreichte Dänemark das Halbfinale, wo es unglücklich gegen Spanien verlor (im Elfmeterschießen 4:5).

Schon damals begann die Welt von „Danish Dynamite“ zu sprechen – eine bildhafte Bezeichnung für den Spielstil der Mannschaft unter der Leitung von Sepp Piontek.

Wie er eine explosive Mischung schuf

Wie hat es Sepp Piontek eigentlich geschafft, aus einem Außenseiter eine Mannschaft zu formen, die Mitte der 1980er Jahre den attraktivsten (wenn auch nicht unbedingt den schönsten, denn hier lag der Vorrang eher bei Frankreich) Fußball in Europa spielte?

Das klingt wenig spannend, aber er begann mit … Disziplin. Es stellte sich heraus, dass Dänemark über eine großartige Generation von Fußballern verfügte – die erste dieser Art in der Geschichte des Landes –, doch sie gingen nicht professionell an das Spiel heran. Das allein hätte jedoch nicht ausgereicht.

In der dänischen Nationalmannschaft unter Piontek war jeder in der Lage, Verantwortung für das Spiel zu übernehmen, jeder engagierte sich, als wäre er der Anführer, jeder war gleichermaßen wichtig. Das hatte viel mit dem „Totalfußball“ aus der Zeit der niederländischen Nationalmannschaft unter Johann Cruyff zu tun. Diese Spielweise verlangt von den Spielern große Intelligenz, eiserne taktische Disziplin, aber auch die Fähigkeit zur Improvisation. Und noch etwas: die dänischen Spieler hatten eine gewisse Lässigkeit an sich, aber auch enormes Selbstvertrauen, eine Siegermentalität. Das machte diese Mannschaft unberechenbar.

Neben der Disziplin zeichnete sich diese Mannschaft auch durch eine unglaubliche Lebhaftigkeit und Kampfeslust aus, die eher an südamerikanische Teams erinnerte als an den damals in Europa, insbesondere in den nordeuropäischen Ländern, typischen Fußball. Piontek unterdrückte diese fröhliche Herangehensweise an den Fußball bei den Dänen nicht, sondern verstand es, sie in ein effektives Werkzeug zu verwandeln.

Sicherlich spielte auch der Charakter des Trainers selbst eine Rolle. Er war ein temperamentvoller Mann, der entschlossen und konsequent sein konnte, aber dennoch offen und sympathisch blieb. Er fand das richtige Maß, und das ist eine unschätzbare Fähigkeit, wenn es darum geht, eine Gruppe zu einem bestimmten Ziel zu führen, insbesondere im Sport.

Aus verschiedenen, manchmal widersprüchlichen Elementen – sowie aus einer wirklich großen Portion Talent der Spieler selbst – entstand eine explosive Mischung.

Das war kein Rezept, um immer und überall zu gewinnen, es gab auch schmerzhafte Niederlagen wie die gegen Spanien bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko, als die Dänen auf einen offenen Schlagabtausch setzten und auf Gegner trafen, die noch offensiver und noch kompromissloser waren und dabei fußballerisch einfach besser. Sie verloren im Aufeinandertreffen zweier Naturgewalten.

Der Titelgewinn ohne Piontek auf der Trainerbank

Unter diesem Trainer schaffte es Dänemark zwar nicht in den engen Kreis der Fußballgroßmächte – eine solche Behauptung wäre jedoch übertrieben –, aber es entwickelte sich zu einer Mannschaft, mit der selbst die größten Mächte rechnen mussten.

Er trainierte Dänemark elf Jahre lang, bis 1990. Nach der verpassten Qualifikation für die nächste Weltmeisterschaft trat er zurück. Sein Stil hielt sich jedoch länger. Und schließlich brachte er den großen Titel. 1992 gewannen die Dänen die Europameisterschaft und spielten dabei weiterhin dynamisch und äußerst offensiv.

Niemand zweifelte daran, dass auch Sepp Piontek, der zu diesem Zeitpunkt bereits Trainer der türkischen Nationalmannschaft war, einen großen Anteil daran hatte. Er trainierte sie drei Jahre lang, jedoch ohne Erfolg. Anschließend wurde er Trainer zweier dänischer Vereinsmannschaften und übernahm schließlich den Posten des Nationaltrainers von… Grönlands. Mit dieser Mannschaft hatte er keine Chance, sich für ein Turnier zu qualifizieren, da Grönland nicht der FIFA angehört. Aber wohl auch nirgendwo sonst hätte er mit einem so außergewöhnlichen Gehalt rechnen können wie dort. Ein Teil davon wurde ihm in Form von Fisch ausgezahlt.

Erwähnenswert ist, dass er nicht nur beruflich mit Dänemark verbunden war. Er selbst sagte von sich, er sei zu 55 Prozent Däne und zu 45 Prozent Deutscher. Die Dänen sahen das wohl auch so. Als er in die Hall of Fame des dänischen Fußballs aufgenommen wurde, hieß es in einer Fernsehsendung, Piontek sei der „meistgeliebte Deutsche auf dänischem Boden“.

Sepp Piontek starb am 18. Februar 2026.

Text: Sławomir Szymański