Ein Protest gegen kommunistische Willkür
Im Mai 1966 demonstrierten Menschen in Brieg (Brzeg) gegen die Verfolgung der Kirche und gegen ihre eigene Entrechtung. Der Staat reagierte mit brutaler Gewalt.
Das Jahr 1966 hatte in Polen eine besondere Bedeutung, weil die Kirche und die Katholiken das tausendjährige Jubiläum der Christianisierung des Landes feierten. Als Konkurrenz zu den Massenveranstaltungen mit religiösem Hintergrund organisierte die kommunistische Regierung eine Reihe von Feierlichkeiten zum „1000. Jubiläum des polnischen Staates“, die einen deutlich geringeren Zuspruch erfuhren. Aus diesem Grunde kam es zu Spannungen zwischen Staat und Kirche.

Der Kampf gegen Geistlichkeit, aber auch gegen die Präsenz der Religion im täglichen Leben der Bevölkerung nahm deutlich an Intensität zu. Zu den zahlreichen auf lokaler Ebene durchgeführten Maßnahmen, mit denen der Einfluss des Klerus´ und der Religion auf die Bürger der Volksrepublik eingeschränkt werden sollte, gehörte auch die geplante Übernahme durch die Behörden des sog. Vikarshauses in Brieg und dessen Umfunktionieren in ein Gesundheitszentrum.

Im Hintergrund dieser Entscheidung stand die unbeugsame, antikommunistische Haltung des Pfarrers der Brieger Heiligkreuzgemeinde Kazimierz Makarski. Dem aus Ostgalizien stämmigen Geistlichen gelang es unter anderem aufgrund seines hohen Ansehens, die Gründung eines lokalen Verbandes der Bewegung „sozial fortschrittlicher Katholiken“ PAX zu verhindern. Bekannt war zudem, dass er durch persönliche Überzeugungsarbeit viele Einwohner davon abbringen konnte, der Partei beizutreten und Eltern anregte, Petitionen für die Wiedereinführung des Religionsunterrichts an den Schulen zu verfassen.
Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass in Brieg seit der Vertreibung der Deutschen 1945 fast ausschließlich Polen lebten, die entweder aus den von der Sowjetunion annektierten Ostgebieten oder aus den zentralen Regionen des Landes stammten. Eine Besonderheit der Stadt war überdies die Existenz einer großen sowjetischen Garnison mit zwei Kasernen. Im Grunde lebte Brieg damals in zwei verschiedenen Wirklichkeiten: einer polnischen und einer sowjetischen (mehr zu diesem Thema).

Die Nachricht, dass die Behörden das Vikarshaus übernehmen und die dort lebenden Menschen (nicht nur Geistliche) aussiedeln wollen, rief unter den Bürgern der Stadt eine große Welle der Empörung hervor. Am 25. Mai 1966 versammelte sich an dem vor der Kreuzkirche gelegenen Schlossplatz eine Gruppe von Menschen, die entschlossen waren, ein klares Zeichen gegen die kommunistische Willkür zu setzen. Die Volkspolizei vertrieb die Menge mit Hilfe von Schlagstöcken. Am nächsten Morgen zählte die Schar der Protestierenden an die 2.000 Menschen, wobei es in erster Linie Frauen und Jugendliche waren. Sie trugen Kreuze und Kirchenfahnen. Als die Spezialeinheiten der Volkspolizei ZOMO am Schlossplatz eintrafen, sang die Menge die Nationalhymne und anschließend Kirchenlieder. Gegen die friedlichen Demonstranten setzten die VoPos Schlagstöcke und Tränengas ein. Die Menge verhielt sich passiv, bis eine Tränengasgranate einen Kinderwagen traf. Daraufhin wurden die ZOMO-Männer mit Steinen, Flaschen, Schlüsseln und anderen Gegenständen beworfen. Der Protest hatte jedoch keine Chancen. Da Unruhen erwartet wurden, befanden sich in Brieg zum damaligen Zeitpunkt außer den örtlichen Ordnungskräften auch ZOMO-Einheiten aus Oppeln (Opole), Breslau (Wrocław) und Kattowitz (Katowice) – insgesamt 700 Beamte mit 70 Fahrzeugen. Offiziell wurden nach den „Ausschreitungen“ 82 Demonstranten verhaftet. In Wirklichkeit sind es viel mehr gewesen. Knapp 30 von ihnen wurden anschließend zu Freiheits- oder hohen Geldstrafen verurteilt. Mehrere Hundert Protestierende erlitten Verletzungen, getötet wurde aber zum Glück niemand. Das Vikarshaus wurde beschlagnahmt und mit hohem finanziellem Aufwand umfunktioniert.

Die Ereignisse in Brieg zeigten in aller Deutlichkeit, dass die Bürger die katholische Kirche als Enklave der Freiheit betrachteten und jeden Angriff auf sie auch als Einschränkung der eigenen Rechte empfanden. Der „Brieger Aufstand“ war der größte antikommunistische Protest in Polen zwischen dem sog. „Polnischen Oktober“ 1956 und den Studentenunruhen im März 1968.
Text: Dawid Smolorz
