Dr. Alan Weiss stellt in Görlitz seine Initiative „Breslau schaut aus der Erde hervor“ und das aktuelle Projekt auf dem Friedhof in Breslau-Krietern vor
Der Vortrag findet im Begleitprogramm zur Ausstellung „Zeichen der Zeit“ statt.
Am 25. Juni 2026 erzählt Dr. Alan Weiss aus Breslau in seinem Vortrag im Schlesischen Museum zu Görlitz von den Aktivitäten der Initiative „Spod ziemi patrzy Breslau” (Breslau schaut aus der Erde hervor). Sie wurde 2021 ins Leben gerufen und beschäftigt sich mit den Überresten alter Friedhöfe in Breslau. Die Mitglieder dieser Gruppe suchen und sichern Stelen oder Grabfragmente, die die Auflösung der deutschen Friedhöfe in Breslau in den 1960-70er Jahren überstanden haben.
Die Fundorte sind oft überraschend – manchmal ist es das Ufer eines Parkteichs, manchmal die Tribünen an Tennisplätzen oder sogar der Zoo. Anschließend werden anhand von Archivdokumenten die Schicksale der auf den Grabsteinen genannten Personen rekonstruiert. So entstehen Geschichten aus Stein, aus denen man erfahren kann, wo die Menschen lebten, wen sie heirateten, ob sie Kinder hatten und aus welchem Grund sie starben. Es ist ein Versuch, die Erinnerung an die ehemaligen Bewohner von Breslau, oder wie die Mitglieder der Initiative sagen – an die Nachbarn aus der Vergangenheit, wiederherzustellen. Manchmal gelingt es, die Nachkommen der Breslauer und Breslauerinnen ausfindig zu machen. Und manchmal melden sich die Nachkommen selbst mit der Frage nach der letzten Ruhestätte ihrer Vorfahren.
Ziel der Initiative ist es auch, die gefundenen Grabsteine in Form von Lapidarien in verschiedenen Teilen der Stadt auszustellen. Außerdem werden Gespräche mit den Behörden über die Erinnerung an unsichtbare Friedhöfe geführt, die zu Parks geworden sind, aber immer noch die Begräbnisstätte der Einwohnerinnen und Einwohner von Breslau sind. Diese Orte der (Nicht-)Erinnerung sind ein wichtiger Teil der Identität der Stadt, der Identität ihrer heutigen Einwohner. Die Aktivitäten von „Spod ziemi patrzy Breslau” sind ein Versuch, einen gemeinsamen Raum zu finden, die schwierige Geschichte der Stadt vor und nach 1945 zu verbinden.

Der Friedhof in Krietern verbindet Deutsche und Polen
Der aktuelle Einsatzort der Initiative ist der Friedhof in Krietern (bis 1928 ein Dorf in der Nähe von Breslau, heute als Krzyki der südliche Viertel der Stadt Wrocław). Der kleine Friedhof wurde dort wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts für die Gläubigen der evangelischen Gemeinde angelegt und wurde von der Erlöser-, Salvator- und Johanneskirche genutzt. Das erste Mal taucht der Friedhof im Adressbuch des Jahres 1914 und im Jahre 1919 wurde der damalige Friedhofsvorsteher Wilhelm Tietze erwähnt. Auf dem Friedhof wurden sein Grabstein sowie die Grabsteinplatte von seiner Frau und seiner Tochter gefunden. Es ist gar nicht so selbstverständlich, denn in den 1960-70er Jahren wurden 44 von ca. 70 deutschen Friedhöfen in Breslau beseitigt, dem Erdboden gleichgemacht. Der Friedhof in Krietern wurde 1958 geschlossen, aber nicht abgeschafft – eine Seltenheit in Breslau.
Interessanterweise kann man hier auch polnische Gräber finden. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente der Friedhof als Begräbnisstätte für die neuen Bewohner der polnisch gewordenen Stadt Wrocław. Auf vielen Tafeln ist zum Beispiel Lviv (Lemberg) als Geburtsort angegeben. Die letzten Beerdigungen fanden hier 1958 statt. Danach wurde der Friedhof geschlossen und der römisch-katholischen Pfarrgemeinde übergeben.
Auf dem Gelände blieben einige deutsche Gräber, ein großer Teil wurde jedoch platt gemacht und die Grabsteinplatten auf einen großen Haufen im hinteren Teil des Friedhofes abgeräumt und mit Erde zugeschüttet. So lagen sie einige Jahrzehnte lang und gerieten in Vergessenheit. Das Team um Dr. Alan Weiss und die Initiative „Spod ziemi patrzy Breslau“ hat schon vor Jahren angefangen, sie auszugraben, zu restaurieren und hinzustellen. Dank der Zusammenarbeit mit der Breslauer Stiftung Urban Memory Foundation und der aktuellen Förderung durch die Erika-Simon-Stiftung aus Görlitz können im Mai und Juni dieses Jahres große Arbeitsschritte auf dem Friedhof in Krietern realisiert werden. Die geborgenen Grabsteine inventarisiert und in einem Lapidarium zusammengesammelt. Mit dem Lapidarium entsteht ein Erinnerungsort an die ehemaligen Einwohner von Breslau-Krietern – die deutschen und die polnischen „Nachbarn aus der Vergangenheit“.

Zur Person
Dr. Alan Weiss ist Niederschlesier und promovierter Literaturwissenschaftler. Seit fast zwanzig Jahren engagiert er sich leidenschaftlich für Tiere und Natur. Er arbeitet mit der Monatszeitschrift „Dzikie Życie” (Wildes Leben) und dem Verein „Pracownia na rzecz Wszystkich Istot” (Werkstatt für Alle Lebewesen) zusammen. Seit einigen Jahren liest er auch Geschichten von Grabsteinen ab. Mitbegründer der Initiative „Spod ziemi patrzy Breslau” (Breslau schaut aus der Erde hervor).
Zum Vortrag
Der Vortrag (in polnischer Sprache mit simultaner Übersetzung ins Deutsche) findet am 25. Juni um 18 Uhr im Schlesischen Museum zu Görlitz statt. Der Eintritt kostet 3 Euro. Die Veranstaltung ist Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung „Zeichen der Zeit. Deutsche Inschriften in Schlesien„, die noch bis zum 1. November 2026 im Schlesischen Museum präsentiert wird. Das Projekt wird gefördert von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und der Erika-Simon-Stiftung.
Text: Agnieszka Bormann
Informationen zum Friedhof in Krietern nach SILESIA News
