Erzwungene Nachbarschaft: Die Sowjets in Brieg/ Brzeg

Von 1945 bis 1992 prägten sowjetische Militärstützpunkte das Bild der Stadt

Brieg war eine von fast 30 schlesischen Städten, in denen die Sowjets stationiert waren und in einer “Parallelwelt” lebten.

Anfang Februar 1945 wurde Brieg von sowjetischen Truppen erobert. Nach Kriegende und der Übernahme der Gebiete östlich von Oder und Neiße durch die polnische Verwaltung zogen sie jedoch aus der Stadt nicht ab, sondern blieben in mehreren Militärkomplexen stationiert: der sogenannten Roten Kaserne, der sogenannten Grauen Kaserne und auf dem in direkter Nähe von Brieg gelegenen ehemaligen deutschen Sport- und Militärflugplatz Hermsdorf/ Skarbimierz, den die Sowjets für ihre Zwecke ausbauten. Ihnen gehörten ferner mehrere Wohnhäuser im zivilen, polnischen Teil der Stadt, in welchen Offiziersfamilien untergebracht waren. In Brieg, das in den 1970er Jahren ca. 30.000 Einwohner zählte, und in seiner Umgebung lebten mehrere tausend sowjetische Soldaten und Zivilpersonal samt ihren Familien. Wie viele es genau waren, bleibt bis heute ein Geheimnis. Die polnischen Einwohner durften die umzäunten sowjetischen Viertel ohne eine spezielle Genehmigung nicht betreten. Die Sowjets hatten ihre eigenen Läden, Schulen und Buslinien mit eigenen Haltestellen. Es war eine Art Parallelwelt.

Hangars auf dem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz bei Brieg, 2011, Fotoquelle: www.fotopolska.eu.

Für die polnische Bevölkerung waren die Nachbarn mit ihren häufigen Kolonnenfahrten und extrem lauten Flugzeugen, die rund um die Uhr starteten und landeten, mehr als lästig. Wie sich einige Einwohner noch heute erinnern, wollten die Sowjets vermutlich mit Absicht die christlichen Feiertage stören, denn beispielsweise an Heiligabend war die Zahl der Starts und Landungen immer besonders hoch. Die Präsenz der Soldaten mit roten Sternen auf ihren Mützen weckte zudem bei vielen tragische Erinnerungen. Denn ein Teil der nach Kriegsende Zugezogenen stammte aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Nicht nur hatten sie 1945 ihre Heimatregionen verlassen müssen, weil diese kraft alliierter Beschlüsse an die Sowjetunion angeschlossen worden waren. Bereits nach dem deutsch-sowjetischen Angriff auf Polen 1939 hatten sie bis Sommer 1941 eine brutale sowjetische Besatzung erlebt, die von ethnisch und politisch motivierten Verhaftungen, Erschießungen und Verschleppungen in die asiatischen Landesteile Sowjetrusslands geprägt gewesen war. Auch war man sich grundsätzlich dessen im Klaren, welches Ziel in Wirklichkeit das Stationieren der Roten Armee in Polen hatte. Die sowjetischen Verbände hätten nicht nur im Falle eines Krieges mit der NATO eingesetzt werden sollen. Sie waren auch ein Garant der Dominanz Moskaus über Ostmitteleuropa und stellten eines der Hindernisse auf dem polnischen Weg zur Unabhängigkeit dar.

Die erzwungene polnisch-sowjetische Nachbarschaft in Brieg endete 1992, als die Soldaten des mittlerweile nicht mehr existierenden Sowjetimperiums die Stadt verließen. Brieg war eine von fast 30 schlesischen Städten, in denen zwischen 1945 und den frühen 1990er Jahren sowjetisches Militär stationiert war. So befand sich beispielsweise in Liegnitz der Stab der Nordgruppe der Truppen der Sowjetarmee.

Text: Dawid Smolorz