Auf der Suche nach verlorenen Kriegskindern

Das Geheimnis eines vergessenen Waisenhauses in Bad Reinerz im Glatzer Land

Lokalhistoriker bringt Menschen zusammen, die vor Jahrzehnten durch Kriegs- und Nachkriegsereignisse voneinander getrennt wurden.

Dariusz Giemza, Jahrgang 1964, ist kein Berufshistoriker. Geschichte, vor allem die seiner Heimatstadt Bad Reinerz (Duszniki Zdrój), ist aber für ihn mehr als Leidenschaft. Nicht nur gründete er ein kleines privates Museum, sondern betreibt auch seit acht Jahren mit verschiedener Intensität aufwendige Recherchen nach den Zöglingen eines vergessenen Waisenhauses in seiner Stadt.

Dariusz Giemza. Quelle: Privatarchiv Dariusz Giemza
 

Auf dieses Thema stieß er zufällig 2018. Damals erfuhr er, dass im Februar 1945 zwei Klosterschwestern von Notre Dame aus Breslau/Wrocław (SND, Arme Schulschwestern unserer Lieben Frau auf der Breslauer Dominsel) mit einer Gruppe von Waisenkindern nach Bad Reinerz gekommen waren. Da der schlesischen Metropole Einkesselung durch die Rote Armee gedroht hatte, hatten sie gehofft, in dem von Kriegshandlungen noch weit entfernten Glatzer Land eine sichere Zuflucht zu finden. Bald darauf waren noch weitere Kindertransporte gefolgt, auch aus anderen schlesischen Städten (u.a. aus Ratibor/Racibórz, Brieg/Brzeg, Rybnik/Rybnik und Teschen/Cieszyn). Dass die östlich der Oder und der Lausitzer Neiße gelegenen Provinzen, und damit auch Bad Reinerz, nur wenige Monate später von der polnischen Verwaltung übernommen werden würden, konnte zum damaligen Zeitpunkt niemand wissen.

Unter den Kindern, von denen die ältesten vier Jahre alt waren, dominierten drei Gruppen: deutsche Kinder (viele von ihnen waren keine Waisen, sondern wurden vor der Front evakuiert), Kinder polnischer Zwangsarbeiterinnen und Kinder, die ihren polnischen Eltern von den Nazis zwecks Germanisierung geraubt worden waren.

Im Jahr 1949 lösten die polnisch-kommunistischen Behörden im Rahmen des Kampfes mit der katholischen Kirche das in Obhut von Klosterschwestern stehende Waisenhaus auf. Die Kinder wurden entweder zur Adoption freigegeben oder in andere Erziehungseinrichtungen gebracht. In beiden Fällen erhielten sie meistens neue Vor- und Nachnamen, was nach 80 Jahren die Suche stark erschwert.

Kinder aus dem Reinerzer Waisenhaus. Foto aus der Nachkriegszeit. Quelle: Privatarchiv Dariusz Giemza

Auf der Grundlage von gefundenen Namenslisten und anderweitig ermittelten Informationen betreibt Dariusz Giemza „Detektivarbeit“, wie er das selbst ausdrückt. In den Zeiten vor der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung war vieles unkomplizierter. Dennoch kann der Reinerzer mittlerweile an die 30 Erfolge vorweisen. Bei großem Zeitaufwand, meistens ohne institutionelle Hilfe, führt er seine Recherchen in Polen und in Deutschland. Giemza arbeitet ehrenamtlich. Das einzige, was er als Gegenleistung erwartet, ist ein „Danke“. Das kommt aber nicht immer. Die ethnische Abstammung der Gesuchten spielt für ihn keine Rolle. Seine Intention sei, wie er betont, Menschen zu helfen, deren Leben durch den Krieg auf eine tragische Weise geprägt wurde. Er wolle Menschen, die oft ihr ganzes Leben verlebten, ohne zu wissen, wer sie sind und woher sie stammen, ihre wahren Identitäten zurückgeben und dadurch eine Kontaktaufnahme mit ihren Verwandten ermöglichen.

Jedes von Dariusz Giemza gelöste Geheimnis bringt den heute hochbetagten ehemaligen Insassen des Waisenhauses Erleichterung. Als äußerst bewegend erwähnt er den Fall eines gewissen Józef, der sein ganzes Erwachsenenleben lang nach seiner biologischen Mutter suchte. Kein Amt und keine Institution waren imstande, ihm zu helfen. Geschafft hat es hingegen der Lokalhistoriker aus Bad Reinerz, der zwei Wochen vor dem Tod des einstigen Waisenkindes seinen wahren Vor- und Nachnamen ermitteln konnte.

Aktuell beschäftigt Dariusz Giemza der Fall von Sabine Vogel aus Kandrzin (poln. Kędzierzyn, 1934-1945 amtlich Heydebreck), die von ihrem in Deutschland lebenden Bruder gesucht wird. Wie der Lokalhistoriker herausfinden konnte, waren ihr Vor- und Nachname nach 1945 zu Halina Ptaszyńska geändert worden. Wenn sie noch lebt, ist sie heute etwa 85 Jahre alt. Für jeden Hinweis auf Sabine Vogel und auch auf weitere ehemalige Zöglinge des Reinerzer Waisenhauses wäre Dariusz Giemza dankbar (dariuszskarbiec@gmail.com).

Über seine Erfolge bei der Suche der verlorenen Kriegskinder, aber auch über andere Themen zur lokalen Geschichte, schreibt er auf dem Portal seines privaten Museums Skarbiec Dusznik Zdroju (Polnisch).

Text: Dawid Smolorz

Hinweis der Redaktion: Mysteriöse Ereignisse 1945 im Waisenhaus in Bad Reinerz ist ein weiterer interessanter Beitrag zu dem Thema.