Pastor Wagner und die schwierige Konfrontation mit der lokalen Geschichte
Das Buch über den letzten evangelischen deutschen Pfarrer von Bielitz (Bielsko) musste ein halbes Jahr auf seine Premiere warten.
Erst ein halbes Jahr nach dem Druck kommt das Buch über Richard Ernst Wagner (1883-1945), den letzten evangelischen deutschen Pfarrer von Bielitz (Bielsko), in den Handel und damit an die Öffentlichkeit. Der Vertrieb wurde gestoppt, weil eine Formulierung aus dem Band angeblich als kontrovers empfunden wurde.
Dass die lange Geschichte der Deutschen in Bielitz bereits in den 1940er Jahren unter tragischen Umständen zu Ende gehen würde, wäre Pfarrer Richard Wagner (1883-1945) wohl nicht im schlechtesten Traum eingefallen. Aufgrund der demografischen und der politischen Entwicklung, vor allem in der Zwischenkriegszeit, vermutete er jedoch, dass er der letzte evangelische deutsche Pfarrer in der Stadt sein wird. Wohl deshalb setzte er sich so intensiv mit der Vergangenheit der Bielitzer Sprachinsel auseinander. Der Stadt und ihrer Umgebung widmete er mehrere Publikationen, die er auf Grundlage historischer Chroniken verfasste. Doch einen würdigen Platz unter den Bielitzer Historikern sicherte sich Wagner mit seinem Hauptwerk, dem „Buch der Bielitz-Bialaer Chronika“, erschienen 1938 in deutscher Sprache im polnischen Posen (Poznań).

Der Geistliche war als überzeugter Befürworter der Kooperation deutsch- und slawischsprachiger Schlesier bekannt, gleichzeitig setzte er sich aber entschieden gegen die Einschränkung der Rechte der deutschen Minderheit in der polnischen Woiwodschaft Schlesien ein. Im Mai 1945 aus unbekannten Gründen verhaftet, wurde er später in das berüchtigte Lager des polnischen Ministeriums für öffentliche Sicherheit „Zgoda“ in Schwientochlowitz (Świętochłowice) überstellt. Dort starb er am 3. August desselben Jahres. Als wichtige Persönlichkeit der deutschen Sprachinsel wurde er wie auch die gesamte deutsche Geschichte der Stadt in den Zeiten der Volksrepublik Polen zum Vergessen verurteilt.
Mit dem Leben und Wirken dieses nicht nur für die lokale Gemeinschaft verdienten Pfarrers und Historikers setzte sich in den vergangenen Jahren sein Enkel, Prof. Gero Vogl, auseinander. Der 1941 in Bielitz geborene emeritierte Physiker gab 2023 ein Buch über seinen Großvater heraus. Zwei Jahre später wurde der Band „Auf verlorenem Posten“ ins Polnische übersetzt und als zweisprachige Publikation mit dem Titel „Richard Ernst Wagner. Ostatni niemiecki pastor Bielska | Der letzte deutsche evangelische Pfarrer von Bielitz“ veröffentlicht. In den Handel kam das Buch jedoch nicht. Auch wurde die für den 10. Dezember 2025 geplante Buchvorstellung mit Teilnahme des Autors abgesagt. Offizielle Gründe wurden nicht genannt, inoffiziell vermuteten die Initiatoren der polnischen Ausgabe, dass die Stadtverwaltung und die Universität Bielitz-Biala (neben dem Verlag „Książnica Beskidzka“ einer der Verleger) die vom Autor in Bezug auf den Sterbeort seines Großvaters verwendete Formulierung „polnisches Konzentrationslager“ für kontrovers hielten und deshalb auf den Vertrieb des bereits gedruckten Buches verzichten wollten.


Erst nach monatelangen Bemühungen eines Kreises engagierter Bielitzer kam der Band vor einigen Tagen in den Handel und am 29. Juni fand in Bielitz auch die erste Buchvorstellung statt. Sie bat Anlass zu Gesprächen über die Bielitzer Identität, an denen der aus Wien angereiste Autor des Buches, Prof. Ewa Chojecka, die unermüdliche Kämpferin für eine entsprechende Würdigung im historischen Gedächtnis der Geschichte der deutschen Sprachinsel Bielitz, die Literaturwissenschaftlerin Prof. Grażyna Szewczyk und Piotr Kenig, Autor mehrerer Publikationen zur Stadtgeschichte, teilnahmen.
Das Buch kann über die Buchhandlung Augustana online bestellt werden.

Text: Dawid Smolorz
