75. Jahre Oberschlesische Tragödie

In mehreren Städten der Region wurde in der 2. Januarhälfte der 75. Jahrestag der sog. Oberschlesischen Tragödie begangen.

Es wird damit an die Ereignisse nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 erinnert.

Unter dem Begriff “Oberschlesische Tragödie” versteht man die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Einmarsch der Roten Armee 1945, die darauf folgende Terrorwelle und die Verschleppung der deutschen, aber häufig auch der polnischen Bürger aus der Region in die UdSSR.

Initiatoren der Feierlichkeiten waren die deutsche Minderheit, regionale Vereine, Kommunen und lokale Gemeinschaften. Die Ereignisse vom Januar 1945, in denen die Rote Armee an der oberschlesischen Zivilbevölkerung unabhängig von ihrer Sprache und Gesinnung grausame Rache nahm, bleiben ein wichtiges Element der regionalen Erinnerungskultur.

Wie jedes Jahr organisierte die Bewegung für die Autonomie Schlesiens (RAŚ) den „Zgoda-Marsch“, dessen Route von Kattowitz/Katowice, über Königshütte/Chorzów zu dem ehemaligen Lager „Zgoda“ in Schwientochlowitz/Świętochłowice führte. Dort waren nach dem Zweiten Weltkrieg deutsch gesinnte Oberschlesier, Personen, die der Kollaboration mit dem NS-Regime beschuldigt wurden, aber auch Angehörige der antikommunistischen polnischen Heimatarmee AK inhaftiert. Im Oppelner Teil Oberschlesiens fanden die zentralen Gedenkfeierlichkeiten traditionell in Lamsdorf/Łambinowice statt. Neben den Vertretern der Organisationen der deutschen Minderheit und regionalen Vereinen, nahm auch der deutsche Generalkonsul aus Breslau/Wrocław, Jörg Neumann, an den Feierlichkeiten teil. In seiner Rede unterstrich er, dass das Leiden der deutschen Zivilopfer nicht vergessen werden dürfe, genauso wie die deutschen Verbrechen, die in Polen und in anderen Ländern begangen worden waren.

Einen besonderen Charakter hatten die diesjährigen Feierlichkeiten in Gleiwitz/Gliwice, wo neben einem Vortrag über die Hintergründe der Ereignisse vom Januar 1945 auch eine Kurzreportage präsentiert wurde, in der Zeitzeugen ihre zum Teil sehr persönlichen Erlebnisse schilderten. Ein Novum im Programm war zudem der Besuch auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof der Stadt, wo die Teilnehmenden das Gebet des Verzeihens gesprochen haben. Im Beuthener Stadtteil Miechowitz/Miechowice stellten 180 Menschen aus Polen, Tschechien und der Slowakei in einer Art historischen Inszenierung die deutsch-sowjetischen Kämpfe und die Besetzung des Ortes durch die Rotarmisten nach. In der Erinnerung an den Januar 1945 nimmt Miechowitz eine besondere Stellung ein, weil die sowjetischen Soldaten dort ca. 380 Menschen ermordeten, und zwar nicht nur Einheimische, sondern unter anderem auch polnische und ukrainische Zwangsarbeiter.

Gedenkfeierlichkeiten fanden überdies in vielen kleineren Ortschaften statt, unter anderem in Tworog/Tworóg (Landkreis Tarnowitz/Tarnowskie Góry). Nach einem gemeinsamen Gedenkumzug versammelten sich die Teilnehmer am Obelisk für die oberschlesischen Opfer der Kriege, Internierung, Verschleppung und Repressalien, wo in der abendlichen Kulisse unter freiem Himmel ein Film über die Deportation der Oberschlesier in die sowjetischen Zwangsarbeitslager präsentiert wurde. 

 

Text: Dawid Smolorz