Abakamania – ein Film über Magdalena Abakanowicz

Werke der großen polnischen Künstlerin des 20. Jahrhunderts gehören dem Breslauer Nationalmuseum

Internationale Berühmtheit erreichte sie mit ihren Abakans – großen, textilen Skulpturen.

Über die Ausnahmekünstlerin Magdalena Abakanowicz (1930–2017) ist ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Abakamania“ entstanden. Bevor er offiziell im Fernsehen präsentiert wird, wird er in einigen Museen gezeigt und von den Autoren des Filmes – Róża Fabjanowska und Sławek Malcharek – kommentiert.

Vor kurzem wurde der Film auch im Nationalmuseum in Breslau (Wrocław) vorgestellt. Nicht zufällig: das Nationalmuseum besitzt die größte Sammlung der Werke von Abakanowicz in Polen. Sie können im Vier-Kuppel-Pavillon (neben der Jahrhunderthalle) bewundert werden. Nicht alle natürlich, aber die Auswahl ist groß. Im Jahre 2022 zeigte das Nationalmuseum die Ausstellung „Abakanowicz. Total“: damals war es möglich, alle Werke aus dem Besitz des Museums zu bewundern.

Die Abakanowicz-Sammlung hat das Nationalmuseum seinem ehemaligen Direktor, Mariusz Hermansdorfer, zu verdanken, der ganz früh das Talent von Abakanowicz entdeckt und sie in ihrer Tätigkeit unterstützt hat. Durch die entstandene Freundschaft war es möglich, dass das Museum jahrelang der Aufbewahrungsort für die Werke von Abakanowicz war. Als sich 2008 Abakanowicz entschied vier von ihren berühmten Abakans ins Ausland zu verkaufen, stellte der Direktor klare und strenge Bedingung: entweder verkauft die Künstlerin die anderen Werke an das Nationalmuseum in Wrocław oder muss alle ihre Werke mitnehmen – sie werden nicht länger aufbewahrt. In diesem Moment entschied sich die Künstlerin, ihre Werke an das Museum zu verschenken. So besitzt das Breslauer Nationalmuseum die polenweit größte Sammlung (über 400) der Werke von Magdalena Abakanowicz.

Die sogenannten „Abakans“ von Magdalena Abakanowicz.

Was im neuen Dokumentarfilm „Abakamania“ wundern kann, ist die Tatsache, dass man der Künstlerin selbst die Stimme fast überhaupt nicht gibt. Magdalena Abakanowicz gehörte zu den Kunstschaffenden, die alle Interviews und Artikel autorisiert hat. Sie schrieb auch eigene Texte, in denen sie die Werke interpretiert hat. Die Autoren des Filmes wollten aber ein wahres Bild der Künstlerin vermitteln, nicht nur dieses, das sie selbst durch Jahre kreiert hat, deshalb haben sie Menschen interviewt und aufgenommen, die Abakanowicz gekannt haben und mit ihr gearbeitet haben, die positive und auch negative Erfahrungen mit ihr gemacht haben. Es entstand ein Bild von einer ungeheuer fleißigen Frau, die sehr konsequent nach den gesteckten Zielen strebte und die sehr hohe Herausforderungen gegenüber den Anderen stellte. Sie verlangte von den Anderen genauso viel wie von sich selbst und was überraschen kann – sie war selten mit ihrem Werk zufrieden. Sie suchte immer wieder nach neuen Inspirationen und Stoffen und ließ sich nicht in eine Schublade stecken.

Magdalena Abakanowicz gehörte zu den bekanntesten polnischen Künstlerinnen, die eine internationale Karriere gemacht hat – in den Zeiten des Kommunismus und des Eisernen Vorhangs war das ein einzigartiges Phänomen. Sie hat das Denken über die Skulpturen revolutioniert: sie hat der Weberei eine neue Bedeutung gegeben und den Begriff der weichen Skulptur kreiert. 1954 schloss sie ihr Studium an der Fakultät für Malerei im Bereich Textilkunst in Warschau ab. Bereits während ihres Studiums begann sie, ihren eigenen künstlerischen Ausdruck zu entwickeln, zunächst durch Malerei auf Textilien, später dann durch den immer mutigeren Einsatz von Webtechniken.

Achtzig Prozent von den „Abakans“ bilden gigantische Vaginas.

In den 1960er Jahren schuf sie einen Zyklus von großen gewebten Skulpturen, die nach ihren Namen Abakans („Abakany“) genannt wurden. Es waren riesengroße hängende Objekte, die aus Sisal, Rosshaar und Wolle hergestellt wurden. Ganz viele knüpften an die Natur: an die Tier- und Pflanzenwelt (z.B. Baumhöhlen, in denen man sich verstecken konnte) oder organische Formen (z.B. gigantische Vaginas). Sie wurden zu ihrem Sprungbrett in die internationalen Salons: 1962 begeisterten sie Publikum und Kritiker auf der Internationalen Textilbiennale in Lausanne, und drei Jahre später wurde Abakanowicz auf der Biennale in Sao Paulo dafür mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Damit begann ihre internationale Karriere. Auch die anderen Figuren hat man angefangen als „Abakany“ zu bezeichnen (korrekterweise sollte sich der Begriff nur auf die ersten gewebten Skulpturen beziehen).

Seit Mitte der 1970er Jahre begann Abakanowicz mit der Arbeit an ihren ersten Serien figurativer Skulpturen, darunter „Siedzący“ / „Sitzenden” (1974–1984) und „Rücken” / „Plecy” (1976–1980). Diese Werkgruppen schuf Abakanowicz aus Stücken groben Sackleinen, die zusammengenäht, geflickt und mit Kunstharz verklebt wurden. In den 1980er und 1990er Jahren stand der Mensch im Zentrum ihres Schaffens. Der Mensch, seine Lage und Stellung in der heutigen Welt, die Conditio Humana, vor allem aber seine Verlorenheit inmitten des Überflusses, seine Anonymität in der Masse. Die ausgehöhlten Figuren symbolisierten die innere Leere des Menschen. Die Figuren scheinen identisch zu sein, aber wenn man genau hinschaut, sieht man, dass jede Figur anders, individuell geformt war. Die anonyme Masse – gebückt und ohne Kopf – drückte die Versklavung des Menschen in totalitären Systemen: seine Verstrickungen und Hilflosigkeit angesichts von Gewalt. Ein Beispiel dafür ist das Werk „Käfig“ / „Klatka“.

Das Werk „Die Menge“ / „Tłum”.

Die Autoren des Filmes haben gezeigt, wie vielfältig das Werk von Abakanowicz ist: von dreidimensionalen gewebten Formen – den „Abakans“, über Figurenzyklen „Menge“, „Rücken“ und „Sitzenden“ aus Jutegewebe und Harz bis hin zu Outdoor-Skulpturen. Im Film sind fast alle ihrer Werke in der Welt zu zeigen – von Polen über Europa bis nach Israel, Japan oder USA. Werke aus Sisal, Juta, Bronze, Gusseisen, Stein, Holz, rostfreier Stahl, usw. Sie machen einen riesengroßen Eindruck auf die Zuschauer und stellen bis heute die Frage nach der Kondition des Menschen in der Gesellschaft.

Text und Bilder: Małgorzata Urlich-Kornacka