Einer von Zehntausenden – das Schicksal Karl Gomolkas

Deportation der Oberschlesier in die Sowjetunion

Anna Długosz aus Ruda (Ruda) im Kreis Ratibor (Racibórz) gelang es nach fast 80 Jahren, Näheres über die Hintergründe der Internierung ihres Vaters zu erfahren.

An den kalten Februartag im Jahr 1945 kann sich Anna Długosz gut erinnern, obwohl sie damals nur dreieinhalb Jahre alt war. Ihr Heimatort Schichowitz (Cichowice) nördlich von Ratibor war bereits seit einigen Wochen von der Roten Armee besetzt. Da sich in der Gegend herumgesprochen hatte, dass die Sowjets massenweise Männer verhaften, übernachtete Anna Długoszs Vater – Karl Gomolka – seit gewisser Zeit nicht mehr zu Hause und auch die Tage verbrachte er größtenteils in einem Versteck im Stall. Nach Hause kam er nur ab und zu, um zu essen. Und gerade als er einmal beim Essen war, kam überraschend ein sowjetischer Soldat ins Haus. „Eine Stunde arbeiten“, hieß es. Auch nach 81 Jahren hat die Frau diese Szene deutlich vor ihren Augen. Der Vater stand auf, reichte seinen einjährigen Sohn, der auf seinem Schoss saß, der Ehefrau, zog einen Mantel an und ging mit dem Soldaten. Die angekündigte Stunde verging. Dann vergingen auch Tage – er kam nicht zurück.

Wie die Familie etwas später erfuhr, hatte Karl Gomolka zunächst beim Bau einer Holzbrücke über die Oder arbeiten müssen, dann war er in die Sowjetunion verschleppt worden. Immer wenn nach Schichowitz oder in einen der Nachbarorte jemand von der Internierung zurückkehrte, besuchte ihn (oder sie – weil sich unter den Deportierten auch eine kleine Gruppe von Frauen befand) Anna Długoszs Mutter, um nach dem Schicksal ihres Mannes zu fragen. Im Jahr 1947 bestätigte eine Frau, die frisch von der Internierung freigelassen worden war, dass in dem Lager im Raum Murmansk, in dem sie Zwangsarbeit hatte leisten müssen, auch Karl Gomolka inhaftiert gewesen war. Er hatte aber weniger Glück als sie gehabt und war am 7. Juli 1947 infolge von Sklavenarbeit und Unterernährung gestorben. Diese Aussage bestätigte sie auch vor Gericht, wodurch der Mann offiziell für tot erklärt werden konnte.

Ein Arbeitslager in Sibirien. Quelle: Wikimedia Commons, Russisches Staatsarchiv, Moskau.

Schon im fortgeschrittenen Alter beschloss Anna Długosz, mehr über die Hintergründe der Internierung ihres Vaters zu erfahren. Dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes lagen keine Informationen über ihn vor. Auf Anraten einer Bekannten wandte sie sich später an das Militärbüro für historische Forschung (Wojskowe Biuro Historyczne) in Warschau, aus dem sie 2023 – also 78 Jahre nach der Verhaftung des Vaters – ein umfangreiches Dossier über ihn erhielt. Es handelt sich dabei um Kopien von Dokumenten aus sowjetischen Archiven. Daraus erfuhr die Frau unter anderem, dass ihr Vater als Besitzer von 7 ha Land, vier Kühen und zwei Pferden für die Russen als reicher Bauer gegolten hatte. Der Hauptgrund für seine Inhaftierung in einer „Strafkolonie für Deutsche“ – so die offizielle Bezeichnung – war aber die Anschuldigung, er sei vor dem Krieg deutscher Spion gewesen. Zu dieser Überzeugung führte die sowjetischen Offiziere angeblich die Information, dass der verhaftete Bürger des Deutschen Reiches in der Zwischenkriegszeit Polen besucht hatte. Wohlgemerkt war die Grenze nur ca. 5 km von seinem Wohnort entfernt. Unter den vielen Kopien befindet sich auch eine Notiz, in der zu lesen ist, dass Karl Gomolka am 30. September 1947 „die Reise in die Heimat“ angetreten haben soll. Wahrscheinlich eine Falschmeldung… Dennoch bleibt die Notiz für Anna Długosz ein unerklärliches Geheimnis. Unabhängig davon hat sie nach der Zustellung der Kopien sowjetischer Akten und der Lektüre deren Übersetzung eine Erleichterung gespürt. Wie sie sagt, musste sie ohne ihren Vater aufwachsen, jetzt fand sie ihn aber in gewisser Weise wieder.

Die Deportation der Oberschlesier in die Sowjetunion 1945 erfolgte auf Grundlage des Befehls des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR vom 6. Februar desselben Jahres. Dieser sah die Internierung aller Deutschen im Alter von 17 bis 50 Jahren aus den bereits von der Roten Armee besetzten Gebieten vor. Als lebende Kriegsreparation sollten sie in der Sowjetunion Zwangsarbeit leisten. Unter den Verschleppten aus der Region befanden sich deutsche Bürger unabhängig von ihrer tatsächlichen Volkszugehörigkeit und Einwohner Ostoberschlesiens, die bereits in der Zwischenkriegszeit polnische Staatsangehörige gewesen waren. Von den insgesamt ca. 50.000 deportierten aus der Region starben schätzungsweise 10.000 in der Sowjetunion.

Zwangsarbeiter in einem sowjetischen Lager. Quelle: Wikimedia Commons, Russisches Film- und Fotoarchiv.

Zu demselben Thema: ein Gespräch mit Dr. Dariusz Węgrzyn, dem Autor des 2021 herausgegebenen „Buches der im Jahr 1945 Festgenommenen, Internierten und aus Oberschlesien in die Sowjetunion Deportierten“.

Text: Dawid Smolorz