Vor 94 Jahren stand Oberschlesien in den Schlagzeilen deutscher und internationaler Presse
Erinnerung an die Ereignisse vom 9. August 1932 in Potempa (Potępa).
Vor 94 Jahren stand Oberschlesien in den Schlagzeilen deutscher und internationaler Presse, nachdem eine Gruppe von SA-Männern einen kommunistisch und polnisch gesinnten Einwohner des nahe der polnischen Grenze gelegenen Potempa (Potępa) ermordet hatte. Die Regierung und große Teile der Öffentlichkeit im noch demokratischen Deutschland reagierten mit Entsetzen auf den Mord von Potempa.

In einem Schnellverfahren beim Landgericht Beuthen (Bytom) wurden schon knapp zwei Wochen nach der Tat fünf von acht Angeklagten wegen politischen Mordes zum Tode verurteilt. Ihr Verteidiger war wohlgemerkt der spätere Generalgouverneur für die besetzten polnischen Gebiete Hans Frank. Die Strafen wurden jedoch nie vollstreckt. Massiver Druck vonseiten der NSDAP, seit kurzem der stärksten Partei im Reichstag, bewirkte, dass die Todesurteile in lebenslange Haft umgewandelt wurden. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden die Täter im März 1933 schließlich vollständig amnestiert und als „Vorkämpfer der nationalen Erhebung“ freigelassen.
Lange wurde behauptet, dass politische Motive den Hauptgrund für die Tat vom 9./10. August 1932 dargestellt hätten. Höchstwahrscheinlich spielte aber auch eine persönliche Rache eine Rolle bei der Wahl des Opfers. Der 35-jährige Konrad Pietzuch (in polnischen Veröffentlichungen: Piecuch) war in seiner Gegend als Sympathisant der kommunistischen Bewegung und polnischer Aufständischer von 1921 bekannt (Letzteres ist allerdings nicht eindeutig belegt). Nach der Teilung der Region im Jahr 1922 lebte er eine Zeitlang auf polnischer Seite, doch kehrte er bald desillusioniert in seinen deutsch verbliebenen Heimatort Potempa zurück.

Die Politik spielte mit Sicherheit eine Rolle bei diesem Mord. Doch wie Forschungen einiger Historiker und Lokalhistoriker ergaben (u. a. von Dr. Marek Chyliński von der Universität Oppeln und Fryderyk Zgodzaj aus Tworog), genoss Pietzuch unter seinen Nachbarn keinen guten Ruf und war mit mehreren von ihnen zerstritten. Einen heftigen Konflikt hatte er mit dem lokalen Gastwirt, der zugleich Ortsvorsteher und überzeugter Nationalsozialist war. Durchaus möglich ist, dass das künftige Opfer Kenntnis darüber hatte, dass der Gaststättenbesitzer Wilderei betrieben und vermutlich einen Förster ermordet habe. Dass Pietzuch ihn sogar deswegen erpresste, kann nicht ausgeschlossen werden. Mittlerweile geht man davon aus, dass der Gastwirt nur die Gelegenheit genutzt und die Aufmerksamkeit der SA-Männer auf den für ihn gefährlichen „roten Polen“ gelenkt habe.

Sowohl im nationalsozialistischen Deutschland als auch später im kommunistischen Polen wurde der Mord jeweils für eigene Zwecke instrumentalisiert. Nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler wurden die Täter als Helden gefeiert, die sich zum Wohle des Volkes eines Kommunisten und eines Polen – also eines doppelten Feindes – entledigt hätten. In der Volksrepublik galt Pietzuch wiederum als eine Art Vorzeige-Opfer, als ein angeblich mutiger Mann, der für Polen und die kommunistische Ideologie sein Leben gab. In Potempa trägt bis heute eine Straße seinen Namen. Bis 2017 gab es auch im Beuthener Stadtteil Bobrek eine Konrad-Piecuch-Straße, doch wurde sie im Rahmen der Entkommunisierung umbenannt.
Text: Dawid Smolorz
