Ein markanter Bau von Adolf Rading wurde von der Stadt Breslau (Wrocław) gekauft, um gerettet zu werden
Welche anderen Bauten dieses Architekten sind heute noch in Breslau zu sehen?
Vor kurzem hat die Stadt Breslau (Wrocław) die ehemalige Odd-Fellows-Loge gekauft. Der von Adolf Rading entworfene Bau wurde 1935 durch die Nationalsozialisten zu einem Kino umfunktioniert und auch nach dem Krieg funktionierte hier ein polnisches Kino.
Die mit dem Kauf beabsichtigte Rettung der Perle der Moderne hat das Interesse auch auf die anderen Bauten dieses Architekten geweckt. Der aus Berlin stammende Adolf Rading (1888–1957), Architekt und Dozent an der Architekturabteilung der Breslauer Kunstakademie, zählte zur ersten Generation der Klassischen Moderne der 1920er Jahre. Dass Breslau während der Weimarer Republik als Stadt der Avantgarde galt, war weitgehend sein Verdienst. Seine besten Berufsjahre, von 1919 bis 1933, verbrachte Rading in Breslau und in Berlin. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verließ er Deutschland (seine Frau war Jüdin) und ging zunächst nach Frankreich, 1936 nach Palästina, wo er unter anderem an einem städtebaulichen Projekt für Haifa arbeitete, und schließlich 1950 nach England. In sein Heimatland kehrte er nie mehr zurück: er starb 1957 in London.
Seine Breslauer Werke hatten einerseits Glück, weil sie den Zweiten Weltkrieg überstanden haben, andererseits aber auch Pech – sie wurden unglücklich umgebaut oder sind in Vergessenheit geraten. Zwei von seinen wichtigsten Bauten, die Odd-Fellows-Loge und das „Turmhaus“ (Gemeinschaftswohnhaus an der WuWA), warten seit Jahren auf die Renovierung. Die Breslauer erhoffen sich eine denkmalgerechte Instandsetzung, mindestens dort, wo es noch möglich ist. Hier eine kleine Zusammenstellung der Werke von Adolf Rading in Breslau:
1. Eigenhaus in der Stifterstraße (ul. Sochaczewska 4)


Rechts: Die realisierte Version des Hauses.
Das war das erste Projekt des Architekten in der Stadt Breslau. Das Haus wurde 1921 gebaut, aber es musste im Vergleich zum ersten Entwurf stark verändert werden. Das erste Projekt wurde wegen der flachen Dachform von der Baupolizei nicht zugelassen. Das kleine Haus (70 qm) hatte einen interessanten Grundriss: die Hälfte der Fläche im Erdgeschoß nahm der Salon, mit dem Eßzimmer verbunden (diese moderne Lösung zur Schaffung eines geräumigen Wohnbereichs – als Treffpunkt für die Familie – wurde von Rading parallel zu Le Corbusier angewendet, ohne dass er dessen Umsetzung in diesem Bereich kannte). Daneben befand sich eine Küche, ein Wirtschaftsraum und ein Zimmer für das Hausmädchen. Im ersten Stock befanden sich zwei Schlafzimmer und ein Badezimmer. Das Haus verfügte auch über einen Keller und einen Dachboden. Das Haus ist erhalten geblieben und bleibt heute in Privatbesitz.


2. Reihenhäuser in der Oranienstraße (ul. Wandy)
Im Jahre 1922 hat Adolf Rading von der Breslauer Baufirma „Heimann und Wittenberg“ den ersten großen Auftrag zum Bau der Reihenhäuser bekommen. Nach den ersten Schwierigkeiten mit der Baupolizei konnte im September 1922 mit der Realisierung begonnen werden: die Häuser waren teilwiese Einfamilien- und teilweise Zweifamilienhäuser. Die Häuser wurden nach dem Motto des Neuen Bauens konzipiert – von innen nach außen – ohne Verzierungen und falschen Prunk. Die Vielfältigkeit erlangte Rading durch Schmuckelemente: Türe, verschiedene Zäune mit schwarz-weißen Motiven, weiß verputzte Fensterbänder – heute ist leider davon nichts zu sehen. Die Siedlung verfügte über alle Annehmlichkeiten einer Kleinstadt, wie Geschäfte oder eine Wäscherei, und sollte darüber hinaus mit ihren charmanten, von Baumreihen gesäumten, schattigen Straßen und Bänken, die die Nachbarschaftskontakte förderten, zum Wohlbefinden der Bewohner beitragen.


3. Eckhaus Oranien- und Derfflinger-Str. (ul. Wandy/Krakusa)
Das Eckhaus musste um ein Stockwerk höher als die anderen Häuser sein – es war die Forderung der Baupolizei. Die Höhe musste sich an den Nachbarhäusern von der anderen Straßenseite richten.


4. Eckhaus Oranien- und Fehrbelliner-Str. (ul. Wandy/Słowicza)
Das Haus sollte einen deutlichen Abschluss der Straße bilden. Das Eckhaus mit kubistischen Formen wurde 1924 realisiert und war das erste Haus mit einem flachen Dach in Breslau.


5. Gebäudekomplex für die Freimaurer-Loge „Odd Fellow
Nicht weit von der realisierten Siedlung, an der Kürassierstrasse (Aleja Hallera), entwarf Rading ein Gebäudekomplex für die Freimaurer-Loge „Odd Fellow“. Das Gebäude wurde im Nationalsozialismus zu einem Kino umfunktioniert. Und als Kino funktionierte es auch nach dem Zweiten Weltkrieg (Kino „Lwow“) bis 2011. Vor kurzem wurde das Gebäude von der Stadt Wroclaw gekauft.


6. Mohrenapotheke am Blücherplatz
Im Jahre 1925 baute Rading gemeinsam mit Hans Leistikow, dem Schöpfer der Polychromie im Logengebäude (Old-Fellow-Loge), die Mohrenapotheke am Blücherplatz (Plac Solny) um und schuf dabei ein außergewöhnliches Interieur – eine Komposition aus Farbe, Spiegeln und Glas. Als der Besitzerin Doris Leschnitzer gelungen ist, das benachbarte Bürgerhaus zu erwerben, wurde wieder Rading eingestellt, mit der Aufgabe, die zwei alten Bürgerhäuser zu einem modernen zu verbinden. Die Bauarbeiten durften den Verkauf und die Arbeit im Röntgenlaboratorium nicht stören. Der Umbau und Erweiterung der Apotheke wurden im Jahre 1929 beendet.

Die Fassade wurde mit grauem Opakglas (Opalglas/Milchglas) bekleidet, das in Metallrahmen befestigt wurde. Die horizontalen Bänder erhielten einen Belag aus schwarzem Glas. Das Zurückweichen des obersten Stockwerkes und die dadurch entstandene Terrasse, die durch ein Geländer abgeschlossen wird, sind durch die Anpassung an die baupolizeilichen Forderungen entstanden. Und so entstand ein avantgardistischer Akzent im historischen Stadtzentrum. In den 1990er Jahren gelang es sehr gut die ursprüngliche Form des Gebäudes wiederherzustellen. Heutzutage ist hier der Sitz der Breslauer Abteilung von der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ untergebracht.

7. Kriebel-Haus in der Finder-Str. (ul. Lipińskiego 1)
Im Jahre 1927 nahm Rading an der Werkbund-Ausstellung in Stuttgart teil. Im Rahmen der Mustersiedlung Weissenhof entwarf er ein Familienhaus. In demselben Jahr bekam er von dem Breslauer Arzt Dr. Arnold Kriebel einen Auftrag für den Bau eines Hauses. Das Kriebel-Haus in der Finder-Str. (ul. Lipińskiego 1) wurde als Landhaus konzipiert. Es steht bis heute und wurde seit 1945 nicht umgebaut (leider auch nicht renoviert). Es ist ein tolles Beispiel, wie man Architektur und Natur verbinden kann: ein Haus, dass sich auf Licht und Sonne öffnet.


8. Gemeinschaftswohnhaus in der WuWA
Im Jahre 1929 wurde in Breslau die WuWA: Wohn- und Werkraumausstellung organisiert. Adolf Rading hat das viergeschossige „Gemeinschaftswohnhaus“ vorgeschlagen (nachdem sein Projekt eines Hochhauses abgelehnt wurde). Rading wollte zwei Sachen verbinden: ein Haus, in dem individuelle Appartements mit kollektiven Aufenthaltsräumen für eine „lebendige und bewusste Zusammengehörigkeit“ kombiniert werden. Sein Projekt wurde stark kritisiert: Die Idee solcher Gemeinschaftsräume in einem Haus mit fremden Mitbewohnern wurde als Utopie betrachtet. Das „Gemeinschaftshaus“ erfüllte später – wenn auch nur dem Namen nach – seine vorgesehene Rolle. Viele Künstler, darunter die Maler Molzahn und Muche sowie der Kunstakademie-Absolvent Gerhard Neumann, lebten in diesem Haus. Oskar Schlemmer hatte hier sein Atelier. Neumann berichtete vom bunten Leben der Künstlergemeinschaft, das 1933 jäh unterbrochen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Rading-Gebäude als Studentenwohnheim. Es wurde grundlegend umgebaut, die ursprüngliche Form ist verloren gegangen. Seit einigen Jahren steht es leer und wartet auf die Sanierung.


Text und aktuelle Bilder: Małgorzata Urlich-Kornacka
