Kontroversen um den deutschen Stadtbaurat

Der Stadtrat von Gleiwitz (Gliwice) spricht sich gegen eine Würdigung von Karl Schabik aus

Projekte des Gleiwitzer Stadtbaurats prägen bis heute den baulichen Charakter der Stadt.

Der deutsch-oberschlesische Architekt Karl Schabik setzte als Stadtbaurat von Gleiwitz über zwei Jahrzehnte lang mit großer Konsequenz seine Vision einer modernen und einwohnerfreundlichen Stadt um. Seine Projekte prägen bis heute den baulichen Charakter von Gleiwitz. Der Vorschlag seiner Würdigung löste neulich Kontroversen im Stadtrat von Gliwice aus.

Stadtbaurat Karl Schabik. Quelle: https://leksykon.gliwice.pl

Der deutsch-oberschlesische Architekt sorgt in Gleiwitz, das sonst als äußerst offene und proeuropäische Stadt gilt, posthum für große Kontroversen. Anders als erwartet, wird der Stadtrat, in dem mehrheitlich liberale Gruppierungen vertreten sind, über eine Würdigung Karl Schabiks im öffentlichen Raum nicht einmal beraten. Gegen das 2024 von Andrzej Chodorowski aus der Gruppierung Koalition für Gleiwitz eingereichte Postulat, eine der Grünanlagen nach dem Stadtbaurat zu benennen, sprachen sich während der Ende April abgehaltenen Sitzung nicht nur die Stadträte von der konservativen Fraktion PiS (Recht und Gerechtigkeit) aus, sondern auch mehrere Ratsmitglieder der liberalen Bürgerkoalition (KO).

Der Zentralfriedhof, entworfen von Karl Schabik und dem Gleiwitzer Gartendirektor Richard Riedel. Quelle: PetrusSilesius, Wikimedia Commons

In der Begründung wies der Stadtrat auf die negative Stellungnahme des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) hin. In dieser ist unter anderem zu lesen, dass Schabik Mitglied des Establishments in dem von Adolf Hitler regierten Deutschen Reich gewesen sei. Ferner hätten Schabiks Aktivitäten nach der Ansicht des IPN im Widerspruch zu den polnischen Interessen in Oberschlesien gestanden. Diese Behauptungen seien falsch, betont die Bewegung für die Autonomie Schlesiens (RAŚ, Ruch Autonomii Śląska) in ihrem Kommentar. Der Gleiwitzer Stadtbaurat sei in der Zeit der Weimarer Republik ein aktives Mitglied der christlich-demokratischen Zentrumspartei gewesen, die sowohl den linken als auch den rechten Extremismus abgelehnt habe. Dass Schabik auch nach dem Systemwechsel von 1933 seine Arbeit in der lokalen Verwaltung fortsetzte, mache ihn noch nicht zum Mitglied des Establishments des „Dritten Reiches“, heißt es ferner. Die RAŚ sehe in der Stellungnahme des IPN und der Entscheidung des Stadtrates eine klare Inkonsequenz. Denn in Oberschlesien fehle es nicht an Straßen, die beispielsweise nach Edmund Osmańczyk oder Gustaw Morcinek benannt sind – polnischen Schlesiern, die nach 1945 wesentlich stärker mit den Strukturen des totalitären Staates verbunden gewesen seien als Schabik in den Jahren 1933–1945. Der Gleiwitzer Stadtrat Kajetan Gornig, der zu den Befürwortern der Würdigung des Stadtbaurates gehört, kündigte bereits an, das Thema in nicht allzu langer Zeit wieder aufgreifen zu wollen.

Teil der von Karl Schabik, Hans Sattler und Richard Riedel entworfenen Siedlung Gagfah. Quelle: https://ckvictoria.pl/kierunek-gliwice/

Karl Schabik kam 1882 im südoberschlesischen Leobschütz (Głubczyce) zur Welt. Das Amt des Stadtbaurates von Gleiwitz bekleidete er von 1919 bis 1945. Er prägte maßgeblich die bauliche Entwicklung der Stadt, initiierte den Bau mehrerer nach dem Prinzip der Gartenstadt konzipierter Viertel, schuf Straßenachsen, die die Ästhetik des Stadtbildes erhöhten, und baute die Infrastruktur aus. Nach Ansicht des Museums Gleiwitz seien seine Aktivitäten für die räumliche Entwicklung der Stadt entscheidend gewesen. Die von ihm ungesetzten Bebauungspläne prägen bis heute den Charakter von Gleiwitz. Sein Amt übte er bis zur Besetzung der Stadt durch die Rote Armee aus. Am 8. Februar 1945 wurde er vom NKWD verhaftet und wie mehrere Zehntausende Oberschlesier zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. Er verstarb am 30. November 1945 in Altschewsk in der ukrainischen Sowjetrepublik. Seine Grabstelle ist unbekannt.

Schabiks Werk – das Eichendorff-Oberlyzeum, heute eine der Fakultäten der Schlesischen Technischen Universität. Quelle: Fotopolska.eu

Text: Dawid Smolorz