Vor 400 Jahren tobte in Schlesien der Dreißigjährige Krieg

In Gleiwitz (Gliwice) wird an die Ereignisse von 1626 und 1627 erinnert

Bis 1945 galt der Dreißigjährige Krieg als der tragischste Konflikt in der schlesischen Geschichte.

Bis 1945 galt der Dreißigjährige Krieg als der tragischste Konflikt in der schlesischen Geschichte. Je nach Gegend verloren infolge von Kriegshandlungen, Hungersnot und den daraus resultierenden Krankreiten 30 bis 50 Prozent der Einwohner ihr Leben.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Schlesien zum Schauplatz mehrerer Feldzüge und Schlachten zwischen den multinationalen Verbänden, die die katholische oder die protestantische Seite unterstützten. Auch wenn vielerorts noch anstelle der Friedhöfe der protestantischen Soldaten sog. Schwedenkapellen stehen, verblasste die Erinnerung an die Ereignisse des 17. Jahrhunderts aufgrund der zeitlichen Entfernung und der dramatischen Erfahrung des Zweiten Weltkrieges stark.

Radoschau (Radoszowy) im Kreis Kandrzin-Cosel (Kędzierzyn-Koźle). Die Figuren stehen an der Stelle, wo laut Überlieferung schwedische Soldaten während des Dreißigjährigen Krieges ein Blutbad unter den Dorfeinwohnern anrichteten. Quelle: Ralf Lotys, Wikimedia-Commons

In besonderer Weise wird die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg in Gleiwitz (Gliwice) gepflegt. Hierfür gibt es mehrere Gründe. Der Ort, der während des Konflikts dem katholischen Kaiser in Wien treu blieb, wurde innerhalb von nur wenigen Monaten zweimal durch protestantische Armeen bedroht blieb und trotz der Überlegenheit des Feindes verschont. Zum ersten Mal tauchten die protestantischen Verbände im August 1626 in der Nähe der Stadt auf. Da aber Gleiwitz auf den Angriff gut vorbereitet war und die Verteidiger sich nicht einschüchtern ließen, sahen die Invasoren von einer Belagerung ab und beschränkten sich nur auf die Verwüstung und Verbrennung der Vorstädte.

Ein halbes Jahr später, im Februar 1627, unternahm das protestantische dänische Heer unter Joachim von Carpezon den Versuch, die Stadt zu erobern. Eine fast einen Monat dauernde Belagerung endete aber ohne Erfolg. Überlieferungen zufolge befanden sich die Gleiwitzer Männer zu jener Zeit im Krieg, sodass die Stadt vor allem von Frauen verteidigt wurde. Sie sollen auf die Köpfe der Angreifer kochendes Wasser, heißes Pech und Hirsegrütze gegossen haben. Auch wenn die schriftlichen Quellen diese Darstellung nicht bestätigen, hat sich gerade diese Version in der Literatur fest verankert. Darüber hinaus setzte sich damals die Vorstellung durch, dass in beiden Fällen die Muttergottes die katholische Stadt beschützt habe. Höchstwahrscheinlich waren es nicht die tapferen Frauen, sondern die unlängst modernisierten und ausgebauten Wehrmauern, die sich als unüberwindbares Hindernis für die Invasoren erwiesen.

Die Muttergottes beschützt Gleiwitz mit ihrem Matel während der Belagerung im Dreißigjährigen Krieg. Gemälde aus der Sammlung des Museums Gleiwitz. Quelle: Facebook-Account Gliwice. Biografia miasta
 

Als Dank für die Rettung der Stadt schworen die Bürger von Gleiwitz, jährlich zum Gnadenbild der Mutter Gottes von Tschenstochau (Częstochowa) zu pilgern. Die erste Wallfahrt fand bereits im September 1627 statt. Abgesehen von den Perioden, in denen Preußenkönige ihren Untertanen Pilgerfahrten ins Ausland verboten, besuchen die Gleiwitzer seitdem jedes Jahr das ca. 100 Kilometer entfernte Heiligtum. Für die heldenhafte Verteidigung sowie die Treue zum katholischen Glauben und die Loyalität gegenüber dem Herrscher verlieh Kaiser Ferdinand II. von Habsburg zwei Jahre später Gleiwitz ein neues Stadtwappen, das eigentlich eine erweiterte Version des bis dahin geltenden darstellte. Neue Elemente waren der schwarze Halbadler der Habsburger auf rot-weiß-rotem Hintergrund, die Mutter Gottes mit Jesus und das Initial des Kaisers (F II). In fast unveränderter Form führte die Stadt das Wappen bis 1945.

Das 1629 vom Kaiser Ferdinand verliehene Wappen von Gleiwitz.

An die Ereignisse von vor 400 Jahren wird in Gleiwitz derzeit erinnert. In erster Linie werden die Gedenkveranstaltungen von der dortigen Diözese initiiert. Die Feierlichkeiten begannen schon im Mai mit einem Konzert in der Kathedrale. Einen besonderen Charakter hatte in diesem Jahr auch die traditionelle Gleiwitzer Wallfahrt nach Tschenstochau, die älteste regelmäßige Pilgerfahrt zum Hellen Berg (Jasna Góra). Am 3. Oktober wird wiederum eine Tagung stattfinden, in deren Rahmen Historiker über Fakten und Mythen im Zusammenhang mit den sagenumwobenen Ereignissen der Jahre 1626 und 1627 diskutieren werden.

Die Verteidigung der Stadt in der aus der Legende bekannten Form verewigte ein unbekannter Dichter in dem Werk „Die Weiber von Gleiwitz“. Einige Quellen schreiben das Gedicht (vermutlich fälschlicherweise) Martin Opitz zu.

Text: Dawid Smolorz

„Die Weiber von Gleiwitz“

Ihr wisst ja wohl, wo Gleiwitz liegt,
Wo ritterliche Frauen
Einst brav und tapfer obgesiegt
Ohn‘ alle Furcht und Grauen?
Das Städtchen Weinsberg nicht allein,
Auch Gleiwitz will gepriesen sein.

Drum holde Rufen, füllet mir
Doch die Begeisterungs-Schale
Und reicht sie mir freundlich hier
In diesen schönen Thale
Im Vaterland Silesia
Wo einst die brave That geschah

Wer kennt nicht wohl den Schreckenskrieg
Von dreißig bangen Jahren?
In diesem rettete ein Sieg
Stadt Gleiwitz aus Gefahren,
Ein Sieg, gedämpft durch Weiberlist,
Die größer als des Satans ist.

In Wahrheit ist `s die Tat wohl wert,
Daß sie besungen werde;
Denn sie befreite Haus und Herd
Vor schrecklicher Gefährde;
Beschützten Gleiwitz nicht die Fraun,
Verloren war`s mit Schreck und Graun!

Betrachtet hier nur dieses Bild
Es malt euch die Geschichte
Lebendig vor, die es hier gilt,
Denn es ist kein Gedichte.
In Gleiwitz selbst könnt ihr es seh´n
Wenn´s euch beliebt, dahin zu gehen.

Es nahete der Stadt ein Heer
Von Schwedens tapfern Kriegern;
Selbst nach der stärksten Gegenwehr
Wich alles diesen Siegern;
Doch Gleiwitz deine Weiber nicht,
Sie sahn dem Feind keck ins Gesicht.

Rings um die Stadt zieht sich die Macht
Der Schweden, gleich den Wettern,
Des Pulvers grause Wirkung kracht,
Droht alles zu zerschmettern.
„Ergebt euch!“ Ruft der Schweden Heer,
Und streckt willig das Gewehr.

Laßt`s ja nicht kommen bis zum Sturm!
Dann Gnade Gott euch allen!
Dann muß auch selbst der kleinste Wurm
Durch unsre Klinge fallen,
Und ihr kommt um mit Mann und Maus
In diesem Sturm mit Grimm und Graus.

Was nun zu tun? Der Männer Schar
Im ganzen kleinen Städtchen
Fast gänzlich aufgerieben war;
Nur Frauen noch und Mädchen
Gab`s zur Verteidigung, – und doch –
Hielt sich das brave Völkchen noch.

Viel höher aber stieg die Not,
Denn – auch das Pulver fehlte
Den tapfern Weibern; ach euch droht
Ein schrecklich` Los! Gequälte!
Doch – fehlt`s an Pulver und an Blei,
Hilft auch gekochter Hirsenbrei.

Die Weiber holten in der Tat
Aus ihrer Vorratskammer
Nach wohl durchdachten großen Rat,
Zu enden ihren Jammer,
Den Hirsen, reichlich Säcke voll,
Der sämtlich sie befreien soll.

Seht, Schweden, wie der dicke Rauch
Aus allen Schloten dringet!
Seht, welche Hoffnung für den Bauch
Euch dieser Anblick bringet!
Gewiß ein herrlich Mittagsmahl
Erwartet euch nächst dem Pokal.

Die Schweden rückten tapfer an,
Zu stürmen Wäll` und Mauern,
Und denken so in ihrem Wahn:
Es kann nicht lange dauern.
Doch – plötzlich fliegt an ihren Kopf
Mit Hirsen heiß gefüllt, ein Topf.

So flog der heiße Hirsenbrei
Auf sie von allen Seiten.
Es brannte ärger sie als Blei;
Sie hörten auf zu streiten;
Sie zogen eilend sich zurück:
Gelungen war das Wagestück.

So sah durch Weiber-Heldenmut
Das Städtchen sich geborgen;
Erhalten wurde Hab und Gut,
Verscheucht war Gram und Sorgen;
Denn durch den heißen Hirsenbrei
Sah Gleiwitz sich nun wieder frei.

Drum lebt ihr tapfern Weiber hoch!
Die Gleiwitz einst beschützten
Vor der Bestürmer hartem Joch,
Die stürmend es umblitzten!
Das Städtchen Weinsberg nicht allein,
Auch Gleiwitz soll besungen sein.