Das Gelände des ehemaligen Israelitischen Krankenhauses vom Anfang des 20. Jahrhunderts wird gründlich saniert
In Zukunft kann man hier wohnen.
Das Gelände des ehemaligen Israelitischen Krankenhauses in Breslau (Wrocław), das am Anfang des 20. Jahrhunderts auf einem weiträumigen Areal von 20.160 qm entstanden ist, wird gründlich in Hinblick auf neue Nutzung verwandelt.

Die neue Investition wird von der GmbH OKRE Development sp. z o.o. durchgeführt, die seit 1995 verschiedene Wohnprojekte in großen polnischen Städten – Warschau (Warszawa), Breslau (Wrocław) und Posen (Poznań) realisiert. Jetzt wird das Gelände des ehemaligen Israelitischen Krankenhauses gründlich saniert und für neue Zwecke – Wohnzwecke – verwandelt. Weil die ehemalige Hohenzollernstraße, an der der Komplex vom Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist, heute ul. Sudecka (Sudeten-Straße) heißt, wurde das Wohnprojekt „Sudea“ genannt.

Das Krankenhaus behandelte nicht nur Juden
Das Israelitische Krankenhaus war das dritte und zugleich das modernste jüdische Krankenhaus in Breslau. Die Entscheidung, ein neues Krankenhaus – nicht nur für die jüdischen Einwohner, sondern auch für die Anderen – unabhängig der Religion und dem materiellen Status – zu bauen, wurde 1897 getroffen. Man kaufte ein entsprechendes Grundstück zwischen Hohenzollern- und Neudorf-Str. und ein Jahr später wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Man wählte das Projekt des Berliner Architekten Reinhard Herold unter Mitarbeit des Königlichen Baurats Heino Schmieden. Das Ziel war, zeitgemäßes Krankenhaus zu schaffen, das alle medizinische und soziale Erwartungen erfüllen sollte.


Das Israelitische Krankenhaus auf einer historischen Postkarte. Aus der Sammlung von Małgorzata Urlich-Kornacka.
Die Bauleitung hatte man den Brüdern Ehrlich, Paul und Richard, übertragen. Der Bau hat 1.800.000 Mark gekostet. Die Finanzierungsmittel wurden größtenteils von bekannten Breslauer jüdischen Familien bereitgestellt, u.a. Familie Schottländer, Marcus Fuchs, Heinrich Heimann, Salomon Kauffmann oder Baronin von Hirsch-Gereuth. Die andere Hälfte bildeten die einzelnen Bettenstiftungen (die Stiftung eines Bettes kostete 6000 Mark).
Das in den Jahren 1901 bis 1903 erbaute Krankenhaus wurde am 27. April 1903 in Anwesenheit vieler prominenten Gäste eröffnet. Die Gesamtanlage des Krankenhauses umfasste sechs Gebäude: das Verwaltungsgebäude, wo sich außer Polikliniken für Innere Erkrankungen, für Chirurgie und Frauenkrankheiten eine Anstaltssynagoge und ein Sitzungssaal der IKVuBG (Die Israelitische Kranken-Verpflegungs-Anstalt u. Beerdigungsgesellschaft) befand, das Hauptkrankengebäude, das Wirtschaftsgebäude, das Leichenhaus, das Infektionsgebäude und das Kesselhaus mit Heizzentrale, von dem die Heizung aller Räume mit unterirdischen Kanälen erfolgte.
Das Krankenhaus wurde zweimal ausgebaut: im Jahre 1912 und 1927 – damals entstand ein Krankenhausflügel mit der ersten radiologischen Abteilung in Breslau. Zusätzlich entstand zwischen den Gebäuden ein geräumiger Garten mit Baumgruppen, Rasenplätzen und Wegen, der für die Patienten und Personal zur Entspannung diente. Nach der Renovierung sollen dort grüne Flächen entstehen, die den Einwohnern der Häuser und den Breslauern dienen werden.


Jüdisches Krankenhaus im Dritten Reich
Nach der Machtübernahme durch Nationalsozialisten spielte das Krankenhaus eine große Rolle im jüdischen Leben: hier wurden viele bekannten Ärzte eingestellt, die wegen ihrer Herkunft von der Breslauer Universität oder öffentlichen Diensten entlassen wurden. Zu den bekanntesten Ärzten, die mit dem Krankenhaus verbunden waren, waren Prof. Georg Reinbach, Georg Gottstein und Doktor Siegmund Hadda (der letzte Direktor des Krankenhauses wurde nach Theresienstadt deportiert) und Ludwig Guttmann. In der Pogromnacht ließ der letzte das Personal alle Männer aufnehmen, die hier den Schutz suchten. Am nächsten Tag rettete er sie vor Gestapo, indem er jedem Patienten eine Krankheit ausdachte und sie genau vor der Gestapo beschrieb und erklärte. 60 von den 64 eingenommenen hat er das Leben gerettet. Er schaffte es noch, Breslau zu verlassen (1939 emigrierte er nach Oxford) und ist heute bekannt als der Vater der paraolympischen Spiele.
1939 musste das Gebäude an die Gestapo übergeben werden und die Patienten wurden in das alte Haus in der Wallstraße verlegt. Die letzten Patienten (179 Personen) wurden 1943 nach Theresienstadt und weiter in die bekannten Vernichtungslager gebracht.
Die während des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigten Gebäude wurden erst in den 70. Jahren bewirtschaftet. Hier wurde das Betriebskrankenhaus der polnischen Staatseisenbahnen in der Region Breslau eröffnet, das bis 2010 genutzt wurde. Danach stand der Gebäudekomplex größtenteils leer. Im Jahre 2019 wurde hier SURVIVAL – eine der größten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Polen, die im öffentlichen Raum stattfindet, organisiert.


Vor kurzem wurde das Gelände verkauft. In den Gebäuden des ehemaligen Krankenhauses und auf dem Gelände entstehen moderne Lofts und neue Wohnungen. Ein Quadratmeter kostet ab 21.000 PLN (ca. 5000 EUR).


Text und Bilder: Małgorzata Urlich-Kornacka
Visualisierungen: OKRE Development sp. z o.o.
