Vor 65 Jahren wurde die Grenze zwischen den beiden Teilen der Stadt zu einem Todesstreifen
Mindestens acht von den etwa 100 Menschen, die zwischen 1961 und 1989 bei einem Fluchtversuch nach Westberlin starben, hatten schlesische Wurzeln. Schlesien war auch Heimat eines der Grenzsoldaten der DDR, der an der Mauer ums Leben kam.
Knapp zwei Jahre nach dem Mauerbau versuchte der aus Opperau (Oporów) bei Breslau (Wrocław) stammende Peter Mädler am 26. April 1963 durch den Teltowkanal zu schwimmen und so nach West-Berlin zu flüchten. Der damals 20-jährige Mann wurde in unmittelbarer Nähe des Westberliner Gebiets von DDR-Grenzern tödlich getroffen. Am 27. Februar 1964 unternahm der in Berlin-Lichtenberg wohnhafte Breslauer Walter Hayn einen Fluchtversuch. Nahe der Grenze in Berlin-Treptow eröffneten DDR-Soldaten das Feuer auf den 25-Jährigen. Von 17 abgegebenen Schüssen traf einer Walter Hayn tödlich. Am 28. Juli desselben Jahres versuchten der Oberschlesier Rainer Gneiser (geb. 1944 in Kreuzburg/Kluczbork) und der Schlesier Norbert Wolscht (geb. 1943 in Greiffenberg/Gryfów Śląski) gemeinsam unter Wasser die Havel entlang nach West-Berlin zu tauchen. Nach der Vertreibung lebten die Familien der beiden Freunde im sächsischen Freiberg. Die jungen Männer starben bei ihrem Fluchtversuch an einer Kohlendioxidvergiftung, da die von ihnen gebauten Atemregler das Kohlendioxid nicht richtig filterten.

Über Michael Kollender ist nur allgemein bekannt, dass er 1945 in Schlesien zur Welt kam. Nach der Aussiedlung lebte er mit seinen Eltern und Geschwistern in Oberlungwitz bei Zwickau. Den Fluchtversuch unternahm er in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1966 als Soldat der Nationalen Volksarmee bewaffnet und in Uniform. Als ihn die Grenzer der DDR im Stadtteil Johannisthal nahe West-Berlin entdeckten, gaben sie über 100 Schüsse auf ihn ab. Schwer verletzt wurde er ins Krankenhaus der Volkspolizei abtransportiert, wo er starb.

Der aus Ellguth-Tillowitz (Ligota Tułowicka) in Oberschlesien gebürtige Herbert Mende gehört zu den Opfern des Mauerregimes, die keine Flucht beabsichtigten. Nach dem Besuch in einem Jugendklub am 8. Juni 1962 wurde er nahe der Glienicker Brücke von einem Grenzsoldaten der DDR schwer verletzt, als er rennend versuchte, den letzten Linienbus in Richtung Potsdam zu erreichen. Der Mann starb 1968 an den Spätfolgen der Schussverletzung im Alter von 29 Jahren.
Am 20. September 1969 versuchte der 45-jährige Beuthener Leo Lis (damals wohnhaft in Kamenz/Lausitz) die Grenze in der Nähe des Nordbahnhofs zu überqueren. Zwar gelang es ihm, mehrere Sperranlagen zu überwinden, doch wurde er noch vor dem Erreichen Westberlins von DDR-Grenzposten beschossen und tödlich verletzt. Unklar sind die Umstände, oder präziser gesagt die Beweg- und Hintergründe des Fluchtversuches des aus Polkau (Bolkowice) im Kreis Jauer (Jawor) stammenden Dieter Berger. Der damals 24-jährige junge Familienvater hatte nie Fluchtabsichten geäußert. Dennoch befand er sich am 13. Dezember 1963 nachmittags in der Nähe der Grenzanlagen am Ufer des Teltowkanals. Zwar kletterte er nach den Warnschüssen der DDR-Soldaten vom Grenzzaun herunter, doch wurde er trotzdem von den Grenzern niedergeschossen.

Unter den Schlesiern, die an der Berliner Mauer ihr Leben verloren, war auch ein Grenzsoldat der DDR. Aus welchem Teil der Region Siegfried Widera stammte, erwähnen die Quellen nicht, doch gilt sein Familienname als typisch oberschlesisch. Nach der Aussiedlung wuchs er im Mansfelder Land am Rande des Harzes auf. Am 8. September 1963 wurde der damals 22-jährige Mann in der Nähe der Massantebrücke von drei Flüchtenden mit Eisenstange niedergeschlagen. Er starb infolge schwerer Kopfverletzungen. Im Jahr 1960 hatte er sich freiwillig zu den Grenztruppen der DDR gemeldet.

Erwähnenswert wäre in diesem Zusammenhang wohl auch, dass der Oberschlesier Richard Smolorz Chefinspekteur bzw. stellvertretender Chef der DDR-Grenzpolizei war. Die Funktion hatte er in den 1950er Jahren inne, also noch vor dem Mauerbau. Smolorz, geboren 1913 in Beuthen (Bytom), hatte während des Zweiten Weltkrieges als deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion eine Antifa-Schule besucht und 1945 in Dresden eine Karriere bei der Deutschen Volkspolizei begonnen.
Text: Dawid Smolorz
