Neues Buch über den Bielitzer Pastor und Historiker Richard Ernst Wagner

Das in deutsch-polnischer Fassung erschienene Buch handelt von einer der interessantesten Persönlichkeiten der Stadt Bielitz-Biala (Bielsko-Biała) im 20. Jahrhundert

Verfasst wurde es vom Enkel des Geistlichen, Prof. Gero Vogl.

In der Volksrepublik Polen als schlesischer Deutscher zum Vergessen verdammt, wird Pastor Richard Ernst Wagner nun in seiner Heimat Schritt für Schritt wiederentdeckt. Bereits seit über 20 Jahren erinnert eine Gedenktafel in der evangelischen Erlöserkirche in Bielitz an ihn und das lokale Museum widmete ihm seinerzeit eine kleine Ausstellung. Jetzt gibt es endlich ein Buch, das in deutscher und polnischer Sprache den Mann näherbringt, ohne den man sich mittlerweile eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte von Bielitz nicht vorstellen kann. Denn die Erforschung der Vergangenheit der Stadt sah er neben der seelsorgerischen Arbeit als seine wichtigste Aufgabe.

Das Lebenswerk von Richard Wagner war das 1938 erschienene „Buch der Bielitz-Bialaer Chronika“. Der Geistliche sprach sich für enge Kooperation deutsch- und slawischsprachiger Schlesier im Teschener Land, weil er beide Gruppen trotz unterschiedlicher Muttersprachen weitgehend als eine Gemeinschaft betrachtete. „Unsere deutsch-polnisch-ostschlesische Kultur ist ein seit vielen Jahrhunderten hier Gewordenes“, schrieb er im genannten Band.

Das sog. Bielitzer Zion – bis heute Mittelpunkt des protestantischen Bielitz.
Quelle: Marek Kocjan, Wikimedia Commons

Richard Wagner kam 1883 in dem ebenfalls im Teschener Schlesien gelegenen Skotschau (Skoczów) zur Welt. Seit 1914 war er Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Bielitz, einer Stadt, die wegen der starken lutherischen Identität im Habsburgerreich als „Auge des Protestantismus in Österreich“ bezeichnet wurde. Nach dem Zerfall der von Wien aus regierten Vielvölkermonarchie wurden die Deutschen aus Bielitz und Umgebung zu Bürgern des wiedererstandenen polnischen Staates. Wagner war sich bereits in der Zwischenkriegszeit dessen bewusst, dass die Bielitz-Bialaer deutsche Sprachinsel in der ihm bekannten Form innerhalb kommender Jahrzehnte aufhören würde zu existieren. Deshalb vermutete er auch, dass er der letzte deutsche evangelische Pfarrer in Bielitz sein würde. Der Zuzug slawischsprachiger Schlesier aus den umliegenden Ortschaften und polnischer Beamter aus anderen Regionen sowie die konsequente Polonisierungspolitik der Warschauer und der Kattowitzer Verwaltung veränderten teilweise bereits in den 1920er und 1930er Jahren das sprachliche Antlitz der Stadt. Freilich konnte er nicht ahnen, dass die sechs Jahrhunderte lange Geschichte der Deutschen in Bielitz und ihrer Umgebung als Folge des vom „Dritten Reich“ entfesselten Krieges auf eine tragische Weise enden würde. Und mit Sicherheit auch nicht, dass er selbst als „Staatsfeind“ im August 1945 in einem polnischen Lager den Tod finden würde.

Emblem Richard Ernst Wagners mit dem Motto: „Erweise Dich! Harr aus! Beeil Dich! Sei ein Mann!“. Quelle: Jacek Proszyk, Wikimedia-Commons

Bei der Arbeit an dem Buch über seinen Großvater stützte sich der 1941 in Bielitz geborene emeritierte Physiker aus Wien Prof. Gero Vogl unter anderem auf die Erinnerungen seiner Großmutter und Mutter (d.h. der Ehefrau und Tochter Richard Wagners), sowie auf die erhaltenen Aufzeichnungen und Briefe des Geistlichen. Doch sein Band ist am Ende viel mehr als nur eine Erzählung über einen evangelischen Pfarrer und Historiker geworden. Denn es vermittelt zugleich auch Einblicke in die Geschichte der Stadt und der gesamten Sprachinsel, ihre Eigenart, Kultur und Bevölkerungsstruktur in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Gero Vogl, „Richard Ernst Wagner. Ostatni niemiecki pastor Bielska / Richard Ernst Wagner. Der letzte deutsche evangelische Pfarrer von Bielitz“. Sprachen: Polnisch (Übersetzung: Dawid Smolorz) und Deutsch, Hardcover, 292 S., Illustrationen.

Der Band kann über die Buchhandlung „Augustana“ online bestellt werden.

Text: Dawid Smolorz