Auschwitz (Oświęcim) – eine Stadt, die (trotz allem) lebt

Kaum ein anderer Ortsname in Europa weckt solche grausamen Assoziierungen wie Auschwitz

Doch im Schatten der KZs ist eine sehenswerte Stadt zu erleben, die durchaus eines Besuchs wert ist.

Kaum ein anderer Ortsname in Europa weckt solch grausamen Assoziierungen wie Auschwitz. Dabei ist die Stadt an der Sola durchaus eines Besuchs wert und hat abgesehen von den Relikten der dramatischen Vergangenheit auch einiges mehr zu bieten.

Zwei goldene Halbadler im Stadtwappen weisen eindeutig darauf hin, dass Auschwitz einst Teil des oberschlesischen Herzogtums Oppeln war.

Das heute 35.000 Einwohner zählende Auschwitz (Oświęcim) liegt in der Region Kleinpolen (früher als Galizien bezeichnet), ist aber von der historischen Ostgrenze Oberschlesiens nur vier Kilometer entfernt. In der Vergangenheit gehörte die Stadt sogar anderthalb Jahrhunderte lang zu Schlesien, was das Stadtwappen, in dem zwei goldene Halbadler der oberschlesischen Herzöge zu sehen sind, eindeutig beweist. Das ist jedoch eine weit entfernte Geschichte – als Schlesier fühlen sich die Einwohner von Auschwitz und seiner Umgebung heute nicht.

Marktplatz in Auschiwtz. Foto. Dawid Smolorz

Die meisten Gäste aus dem In- und Ausland kommen in diese Gegend, um die ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager zu besuchen. Die Stadt als solche wird dabei meistens übersehen. Dabei schaut sie nicht nur auf eine interessante Geschichte zurück, sondern hat auch einiges zu bieten. Der Stadtkern macht mit seinen zum Teil ästhetischen Bürgerhäusern und eleganten Villen wohlhabender Kauf- und Geschäftsleute schon auf den ersten Blick einen einladenden Eindruck. Geprägt ist er überwiegend von Bauten, deren Architektur für die österreichisch-ungarische Monarchie typisch ist. Ihr Teil war Auschwitz von den Teilungen Polens im späten 18. Jahrhundert bis 1918. Von der Bedeutung der Stadt in der Vergangenheit zeugt nicht zuletzt die Größe des Hauptplatzes, der flächenmäßig dem Ring der oberschlesischen Hauptstadt Oppeln (Opole) nur knapp nachsteht.

Salesianerkirche mit der St. Hyazinth-Kapelle. Quelle: Facebook-Account Sanktuarium Matki Bożej Wspomożenia Wiernych w Oświęcimiu 

Einen interessanten Punkt auf der touristischen Karte der Stadt stellen aus mehreren Gründen die Salesianerkirche und das dazugehörige Kloster dar. Und zwar nicht nur wegen der gotischen Architektur des Gotteshauses und der schönen Lage des Ensembles auf einem Hügel am Fluss Sola. Berühmt wurde die Anlage unter anderem deshalb, weil sie in der kommunistischen Zeit – wie man zu sagen pflegte – die einzige Berufsschule in Trägerschaft eines Ordens zwischen Wladiwostok und der Elbe beherbergte.

Jene, die sich entscheiden, mit der Stadt eine nähere Bekanntschaft zu machen, steuern auch das auf einer Anhöhe gelegene Herzogsschloss – heute Stadtmuseum – und die Synagoge Chewra Lomdej Misznajot an, die zusammen mit dem benachbarten Jüdischen Museum an die seit dem Holokaust nicht mehr existierende Gemeinschaft erinnert.

Seit der politischen Wende von 1989 setzt sich die lokale Verwaltung konsequent und nicht ohne Erfolg dafür ein, dass Auschwitz nicht nur als Stätte eines der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte angesehen wird. Die Aufgabe ist jedoch nicht einfach, denn einige Initiativen und Projekte, die woanders als völlig neutral empfunden würden, zum Beispiel die Eröffnung einer Disko oder eines Einkaufszentrums, in Auschwitz aus allgemein bekannten Gründen manchmal als umstritten gelten. Dennoch gelingt es der Verwaltung Schritt für Schritt, ohne die Vergangenheit zu vergessen oder zu marginalisieren, gegenüber Bürgern und Besuchern das Image einer modernen und attraktiven Stadt zu prägen.

Text: Dawid Smolorz