Der Mythos um den Fallschirmsprungturm von Kattowitz (Katowice)

Der Turm im Kattowitzer Südpark galt lange als Symbol des erbitterten Widerstandes der oberschlesischen Polen gegen die deutsche Wehrmacht im September 1939.

Doch so lebendig der Mythos auch bleibt, die Tatsachen sind anders.

Jahrzehntelang galt der Turm im Kattowitzer Südpark (Park Kościuszki) als Symbol des angeblich erbitterten Widerstandes der oberschlesischen Polen gegen die deutsche Wehrmacht im September 1939. Seit über 20 Jahren steht außer Frage: diese Vorstellung entspricht nicht der Wahrheit.

Erster Sprung vom Kattowitzer Fallschirmsprungturm, 1938.
Wikimedia-Commons
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In den Zeiten der Volksrepublik Polen fanden am Fallschirmsprungturm alljährlich Anfang September große Gedenkkundgebungen zu Ehren der Pfadfinder statt, die – so die offizielle Auslegung von damals – an diesem Ort einen heroischen Kampf gegen die regulären Verbände der deutschen Armee geführt hätten. Auch in den ersten Jahren nach der Wende galt die Verteidigung des Fallschirmsprungturms noch als ein Dogma, das nicht in Frage gestellt werden durfte. Dies änderte sich erst 2003 mit einem Artikel in der Zeitung „Gazeta Wyborcza“, in dem die Ergebnisse der Recherchen und Forschungen von Prof. Ryszard Kaczmarek von der Schlesischen Universität Kattowitz veröffentlicht wurden. Diese ergaben eindeutig, dass am Fallschirmsprungturm keine intensiven Kämpfe stattgefunden hatten. Den genauen Verlauf rekonstruierte später in seinem Buch „Katowice we wrześniu ’39“ (Kattowitz im September ´39) Dr. Grzegorz Bębnik vom Institut für Nationales Gedenken (IPN). Wie er feststellen konnte, waren die deutschen Soldaten wahrscheinlich zwar von dem Fallschirmsprungturm beschossen worden, da sich aber das Objekt als Widerstandspunkt überhaupt nicht eignet, hatte das polnische Maschinengewehr nach dem Beschuss durch eine deutsche Panzerabwehrkanone verstummt.

Trotz dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse dringt die Wahrheit über die Ereignisse im Südpark nur schwer ins allgemeine Bewusstsein vor. Immer noch finden am Fallschirmsprungturm Gedenkfeierlichkeiten und Reenactment-Veranstaltungen, also inszenierte Nachstellungen der historischen Ereignisse, statt. In diesem Jahr wurden sie von dem regionalen Pfadfinderverband initiiert. Im Jahr 2011 nahm an den Feierlichkeiten sogar der damalige polnische Staatspräsident Bronisław Komorowski teil. „Schuld“ an der falschen Interpretation der historischen Ereignisse ist im gewissen Sinne wohl der Schriftsteller Kazimierz Gołba. Denn den Höhepunkt seines 1947 herausgegebenen Buches „Wieża spadochronowa“ (Der Fallschirmsprungturm) stellt eine äußerst suggestive Beschreibung der heroischen Verteidigung des im Titel genannten Objektes durch polnische Pfadfinder dar. Gołbas Band hatte zwar nicht den Anspruch, eine historische, dokumentarische Studie zu sein, sondern verstand sich als literarisches Werk. Doch nutzte es die damalige kommunistische Propaganda, um den Mythos einer angeblich erbitterten Verteidigung der Stadt im September 1939 zu stärken.

Eine Reenactment-Veranstaltung am Fallschirmsprungturm in Kattowitz. Quelle: Nemo5576, Wikimedia-Commons

Das ostoberschlesische Kattowitz, das seit 1922 in den Grenzen Polens lag, wurde vier Tage nach Kriegsausbruch, am 4. September 1939, von der deutschen Wehrmacht besetzt. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich in der Stadt so gut wie keine regulären Einheiten der polnischen Armee mehr. Nur an einigen Stellen leisteten zerstreute Gruppen von ehemaligen Aufständischen von 1919-1921 und Pfadfindern, ihrer hoffnungslosen Situation meist nicht bewusst, schwachen Widerstand. Auf der anderen Seite begrüßten viele Kattowitzer die einrückenden deutschen Soldaten enthusiastisch. Doch schnell kam die Ernüchterung, denn die neue deutsche Verwaltung betrieb in der ehemaligen Woiwodschaft Schlesien von den ersten Tagen an ihre nationalsozialistische Politik. Gleichzeitig begann auch eine brutale Abrechnung mit den Verteidigern, ehemaligen Aufständischen und polnischen Aktivisten der Zwischenkriegszeit.

Text: Dawid Smolorz