Das Breslauer Spielfilmstudio WFF eröffnete zwischen den Filmproduktionen seine Türen für Stadtführer
Direktor Dr. Robert Banasiak zeigte ausführlich den ungewöhnlichen Ort. Für viele war das die erste Begegnung mit der Breslauer Filmkunst.
Das Breslauer Spielfilmstudio – (WFF, Wytwórnia Filmów Fabularnych we Wrocławiu) eröffnete im März, in der Zeit zwischen den Filmproduktionen, seine Pforten für die Stadtführer. Zwei Schulungen wurden für die Stadtführer organisiert und von dem Direktor des Studios, Dr. Robert Banasiak, durchgeführt. Da er Zugang zu allen Ecken des Spielfilmstudios hatte, konnte man alles, was normalerweise nicht zugänglich ist, sehen. Für viele Teilnehmer war das die erste so nahe Begegnung mit der Filmkunst „made in Breslau“.


Das Spielfilmstudio untersteht als Institution dem polnischen Ministerium für Kultur und nationales Erbe. Es ist unabhängig von der Stadt und der niederschlesischen Woiwodschaft und kann Geldmittel vom polnischen Staat für Filmproduktionen beantragen und ein Co-Produzent bei Filmen anderer sein: es kann die Filme mit den Räumlichkeiten unterstützen, mit den Kostümen, mit den Fachleuten von den Spezialeffekten usw. Voriges Jahr hat das Breslauer Spielfilmstudio zwanzig Filme co-produziert und 20 Millionen Zloty für die Produktionen gewonnen.


Politischer Auftrag in den „wiedergewonnenen Gebieten“
Das Spielfilmstudio entstand im Jahre 1952 zuerst als Filiale des Spielfilmstudios in Łódź. 1954 ist es zur selbständigen Institution geworden. 2024 feierte es das 70. Jubiläum seines Bestehens. Die Berufung der Institution zum Leben war damals politisch begründet: es sollte polnische Kultur auf den sog. „wiedergewonnenen Gebieten“ unterstützen und das polnische Wrocław in den Mittelpunkt setzen.
Für den Sitz der Institution wurden das Staatenhaus aus dem Jahre 1938/1939 und der Vier-Kuppel-Pavillon aus dem Jahre 1913 gewählt. Mit der Zeit wurde das Spielfilmstudio ausgebaut – in der Blütezeit (1970er Jahre) arbeiteten dort ca. 500 Personen. Es wurden Dekorationen gebaut, Kostüme genäht, Perücken hergestellt, usw. Das Spielfilmstudio verfügte auch über Gästezimmer, in denen viele Regisseure gewohnt haben. Nur hier konnte man „in den Hausschuhen“ zum Dreh runterkommen. Hier war es auch weit von Warschau, also weit weg von der Zensur, deshalb konnten hier mutige Filme entstehen, die in Warschau nicht zu denken waren. Circa 25-30% aller polnischen Filme entstanden in Breslau und es gibt keinen einzigen Regisseur, der dort nicht mindestens einen Film gemacht hätte. Hier debütierten Andrzej Wajda, Roman Polański, Krzysztof Kieślowski, Wojciech Jerzy Has und andere. Und obwohl es na allem mangelte, entstanden Filme, die bis heute Ikonen der polnischen Filmkunst sind.


Neben Warschau das zweite Filmstudio in Polen
Die Zeiten änderten sich, die Technologien wurden weiterentwickelt. Man brauchte den Vier-Kuppel-Pavillon nicht mehr, deshalb wurde er an das Nationalmuseum gemietet (der Eigentümer bleibt aber weiterhin das WFF). Das Spielfilmstudio hat alle Wirren der Geschichte und der Wende überstanden und gehört neben dem Warschauer Filmstudio zu den einzigen in Polen. Was wichtig ist, in den Hallen von WFF werden immer neue Filme gedreht, es entstehen auch Animationsfilme (Stop-Motion-Animation).


Während der Schulungen wurde den Stadtführern alles gezeigt: der Eingangsbereich, in dem Filmplakate und einige rekonstruierten Kostüme zu sehen sind (hier kann jeder reinschauen), das Kostümlager, in dem sich ca. 12 Tausend Kostüme und Requisiten befinden, die Filmemacher bis heute nutzen. Von der Sammlung wurden 120 Kostüme aus den bekannten polnischen Produktionen ausgewählt und rekonstruiert. Sie werden an Ort und Stelle – in den Gängen des Spielfilmstudios – gezeigt oder für verschiede Ausstellungen ausgeliehen. Anlässlich des Andrzej-Wajda-Jahres wurden einige Sachen sogar nach Düsseldorf geschickt und werden dort in einer Ausstellung des Polnischen Institutes präsentiert.


Viele Geheimnisse wurden von den Stadtführern gelüftet, u.a. wie die Uhren an dem Eckturm des Gebäudes immer richtig gehen… In einem Raum des Gebäudes befindet sich nämlich ein Uhrenmechanismus, der die beider Zifferblatte gleichzeitig antreibt. Dank einem Uhrenmacher aus Freiburg (Świebodzice) konnte es repariert und wieder in den Gang gesetzt werden.
In anderen Räumen konnte man ein Archiv von alten Kassetten und Platten mit den sog. Spezialeffekten sehen. Sie werden bald mit Hilfe der Breslauer Universität digitalisiert und zur Verfügung gestellt. Die Platten mit der Filmmusik wurden in Zusammenarbeit mit dem Verlag GAD-Records rekonstruiert und herausgegeben. Oft ist es Musik, die für die Filme komponiert wurde, aus unbekannten Gründen aber nicht von den Regisseuren genutzt wurde. Es sind tolle Kompositionen berühmter polnischer Musiker, die nach vielen Jahren das Licht der Welt erblickten.


Den Kern des Spielfilmstudios bilden zwei Hallen – die 1200 Quadratmeter große Wojciech Jerzy Has-Halle und die 500 Quadratmeter kleine Zbyszek-Cybulski-Halle. In der großen kann man große Konstruktionen, wie z. B. fertige Wohnungen bauen. Hier entstanden 2024 zwei Wohnungen von Chopin für die Filmproduktion „Chopin, Chopin“ von Michał Kwieciński. Vor kurzem wurde hier auch ein Film des Oskar-Preisträgers Paweł Pawlikowski realisiert. Der Film „1949“ erzählt die Geschichte von Thomas Mann, der sich 1949 entschied, vom Exil nach Deutschland zurückzukehren. In der großen Halle wurde sein Haus in Los Angeles, die Wohnung in Weimar und ein Hotel in Cannes gebaut. Der Regisseur konnte dank diesen Maßnahmen viel Geld und Zeit sparen. Für die Weimarer Wohnung von Thomas Mann wurde übrigens die Konstruktion der Chopin-Wohnung genutzt. Nur die Innenräume wurden neugestaltet.


In der kleinen Halle ist dank einem kleinen Schwimmbad möglich, Szenen unter dem Wasser zu realisieren, z. B. wenn ein Auto mit den Schauspielern untergehen muss oder wenn die Flut-Szenen gedreht werden. Hier gibt es auch einen großen grünen (Green Box) oder schwarzen (Black Box) Hintergrund, der zu bestimmten Szenen nützlich sein kann. Die Hallen sind durch einen Tunnel verbunden, in den Wagen mit der schweren Spezialausrüstung reinfahren können. Auch Kamper von bekannten Schauspielern können im Innenhof parken um von den Paparazzi nicht gestört zu werden.
Es gibt auch ein Studio, wo Spezialgeräusche entstehen und ein alter Kinosaal aus den 1960er Jahren, in dem man früher Postsynchronisationen für einen Film aufnehmen konnte, oder wo die Filme angesehen und benotet wurden (die sog. Filmabnahme). Hier ist alles so gelassen wie es in den 1960er Jahren war. Der Direktor ist der Meinung, dass man die Zukunft der Institution nur auf der Basis der einmaligen Geschichte bauen kann: in die Zukunft blicken, aber die Vergangenheit respektieren. Und es ist, wie man sieht, ein gutes Erfolgsrezept!
Text und Bilder (wenn nicht anderes angegeben): Małgorzata Urlich-Kornacka
