Nein zur Würdigung der deutschen Opfer

Kontroversen im oberschlesischen Neustadt (Prudnik)

1945-46 gab es hier ein innerstädtisches Lager für die deutsche Bevölkerung, betrieben von den Sowjets und später von der polnischen Verwaltung.

In den Jahren 1945 und 1946 gab es in Neustadt (Prudnik) ein innerstädtisches Lager für die deutsche Bevölkerung, das zunächst von den Sowjets und später von der polnischen Verwaltung betrieben wurde. Unter den Inhaftierten war der spätere Schriftsteller Harry Thürk.

Kriegszerstörungen in Neustadt. Quelle: Wikimedia-Commons, http://radio.opole.pl/101,189124,na-fotografii-udokumentowal-zmieniajace-sie-obli

In einem Gespräch mit dem Regionalsender Radio Opole begründete der Stadtverordneter Witold Rygorowicz die negative Entscheidung des Stadtrates von Neustadt (Prudnik) mit folgenden Worten: „Es sind wir, die Opfer dieses Krieges waren. Das deutsche Volk unterstützte mehrheitlich die Politik Hitlers. Was nach dem Zweiten Weltkrieg geschah, war eine Folge dieser Entwicklung“. Der abgelehnte Antrag, den eines der Mitglieder des Neustädter Kreistages gestellt hatte, sah vor, dass an das Lager in zweierlei Form erinnert werden sollte: mit einer Gedenktafel und mit einer Bronzeleiste im Boden eingelassen, mit der an einer Stelle die Grenze des Lagers markiert würde. Die Mitglieder des Stadtrates waren praktisch einer Meinung. Achtzehn von ihnen sprachen sich gegen diese Initiative aus, eines enthielt sich der Stimme.

Hinsichtlich der Einstellung zu diesem Kapitel der Geschichte gibt es einen großen Unterschied zwischen der Stadt, die seit 1945 in großer Mehrheit von Polen bewohnt ist, und dem Kreis, in dessen östlichen Teil sich ein geschlossenes Siedlungsgebiet der deutsch-oberschlesischen Bevölkerung befindet. Trotz der negativen Entscheidung des Stadtrates möchte deshalb der Kreistag einen Weg finden, die deutschen Opfer des sowjetischen und des polnischen Lagers in irgendeiner Form doch zu würdigen. Ein entsprechender Beschluss wurde bereits gefasst.

Durchfahrt in der Innenstadt, die als eines der Lagertore diente. Quelle: Wlodek k1, Wikimedia-Commons

Das erste Lager für Deutsche wurde im zentralen Teil Neustadts kurz nach der Eroberung der Stadt durch die Rote Armee im März 1945 von der sowjetischen Militärverwaltung eingerichtet. Schon einen Monat später wurde das Lager aber aufgelöst, da die inhaftierte Bevölkerung wegen des erwarteten deutschen Gegenangriffs in die ländlichen Gebiete östlich der Stadt evakuiert wurde.

Das zweite Lager entstand nach der Rückkehr der evakuierten Einwohner und der Übernahme der Stadt durch die polnische Verwaltung im August 1945. Es umfasste einen entlang des Flusses Prudnik gelegenen Teil der Innenstadt und hatte die Funktion eines Arbeits- und Übergangslagers für auszusiedelnde Deutsche. Die Inhaftierten wurden unter anderem zur Beseitigung der Trümmer in der Stadt eingesetzt. Im Lager, das im Volksmund als „Ghetto“ bezeichnet wurde, obwohl es mit dem Holokaust nichts gemeinsam hatte, herrschten zunächst sehr schlechte hygienische Bedingungen. Krankheiten breiteten sich dort aus, es fehlte an Nahrung und Trinkwasser. Mit der Zeit verbesserte sich aber die Lage der Internierten einigermaßen. Das Gelände wurde von polnischen Soldaten und Volkspolizisten bewacht. An den Straßenausfahrten wurden Wachposten errichtet.

Bürgerhäuser in der Fischstraße (heute ulica Chrobrego), 1945-1946 Lagergelände. Quelle: Wlodek k1, Wikimedia-Commons

In der frühen Phase waren im Lager ca. 8.000 Menschen inhaftiert, die sich – wie überall in den sprachlich gemischten Teilen Oberschlesiens – der sog. nationalen Verifizierung unterziehen mussten. Diejenigen, die als Deutsche klassifiziert wurden, wurden in eine der Besatzungszonen ausgesiedelt oder in das berüchtigte Lager Lamsdorf (Łambinowice) verbracht. Menschen, die als Polen oder „polonisierungsfähig“ eingestuft wurden, wurden hingegen freigelassen.

Harry Thürk, Mitte stehend, 1967. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-F1204-0028-001 / Franke, Klaus / CC-BY-SA 3.0

Häftling des Neustädter Lagers war Harry Thürk (1927-2005), später einer der meistgelesenen Autoren der DDR. Mit diesem Kapitel seines Lebens setzte er sich in dem 1993 erschienenen Roman „Sommer der toten Träume“ auseinander.

Text: Dawid Smolorz