Aufnahmen von Volks- und Kirchenliedern aus Oberschlesien aus dem Jahr 1913
Vor über hundert Jahren aufgenommene Sammlung von Liedern und Instrumentalwerken ist online zugänglich.
Auf dem polnischen Internetportal etnofon.pl kann man online eine einzigartige Sammlung von Liedern und Instrumentalwerken anhören, die vor über hundert Jahren aufgenommen wurden. Bei der Sammlung handelt es sich um 34 Phonographenwalzen, die sich ursprünglich in der Verwahrung des Berliner Phonogramm-Archivs befanden und heute im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin sind.

Der aus der deutschen Hauptstadt gebürtige Lehrer und Forscher Paul Schmidt (1868-1954), der großes Interesse am westslawischen Liedgut hatte, nahm die Lieder und Melodien in drei Ortschaften des Kreises Neustadt (Prudnik) im Sommer 1913 auf: in Rasselwitz (Racławiczki), Sedschütz (Dziedzice) und Pechhütte (Smolarnia). Bekannt sind auch die Namen der Personen, deren Stimmen in den meist ein- bis zweiminütigen Aufnahmen zu hören sind (u. a. Frau Sacher, Frau Lubczyk, Frau Rogusch, Frau Worczak, Frau und Fräulein Popiolek, Anna Pachotto und Susanna Apostel). Außer klassischen Volks- und Kirchenliedern in polnischer Sprache bzw. im slawisch-oberschlesischen Dialekt umfasst die Sammlung auch kurze vokale Formen, Gebete und Instrumentalwerke. Hervorzuheben sei an dieser Stelle, dass man unter den Melodien auch solche findet, die bis heute in der Region beliebt sind und gerne gesungen werden, wie „Wczora była niedzieliczka“ oder „Szła dzieweczka“.

Die Ergebnisse seiner Arbeit in Oberschlesien schilderte Paul Schmidt in dem Beitrag „Bemerkungen über das polnische Volkslied in Oberschlesien, besonders im Kreise Neustadt“, der 1916 im „Archiv für Slavische Philologie“ veröffentlicht wurde. Darin stellte er unter anderem die These auf, dass die spezifischen Eigenschaften des lokalen Dialekts die Melodik der Lieder beeinflussen.
Das Nachkriegsschicksal der Sammlung war turbulent. Nach 1945 wurden die Phonographenwalzen von der sowjetischen Besatzungsmacht nach Leningrad verbracht und waren fortan im Fonografischen Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrt. Dort wurden sie 1963 von zwei polnischen Ethnografen wiederentdeckt und beschrieben. Noch vor der politischen Wende von 1989 übergab die Sowjetunion die Sammlung der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Die originalen Tonträger sind im sehr guten Zustand, gut ist auch die Qualität der Aufnahmen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden sie im Berliner Phonogramm-Archiv digitalisiert und im Jahr 2017 in Polen in Form von einer CD veröffentlicht (Titel: „Polskie pieśni ludowe na Śląsku Opolskim przez Paula Schmidta w 1913 r. na fonograf zebrane“).
Link zu den Aufnahmen finden Sie hier. Die Aufnahmen befinden sich in der unteren Ecke rechts unter der Überschrift „Posłuchaj utworów oraz zobacz booklet“.
Text: Dawid Smolorz
