Museum erinnert mit deutsch-polnischem Dokumentarfilm an den Zweiten Weltkrieg

Das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen zeigt den deutsch-polnischen Dokumentarfilm „Schicksal/Los“ von Joanna Mielewczyk

Im Anschluss findet ein Gespräch mit der Regisseurin und dem Zeitzeugen und Protagonisten Jürgen Hempel statt.

Anlässlich des 87. Jahrestags des Beginns des Zweiten Weltkriegs zeigt das Oberschlesische Landesmuseum am Samstag, 5. September 2026, um 12 Uhr den deutsch-polnischen Dokumentarfilm „Schicksal/Los“ von Joanna Mielewczyk. Im Anschluss an die Filmvorführung findet ein Gespräch mit der Regisseurin und dem Zeitzeugen und Protagonisten Jürgen Hempel statt.

Der Film erzählt die Geschichte zweier Männer, die den Krieg als Kinder in Breslau erlebten. Sie wurden mit ihren Familien in der Festung Breslau eingeschlossen, einer zur Verteidigung gegen die Rote Armee vorbereiteten Stadt. Die beiden Protagonisten, Jerzy Podlak und Jürgen Hempel, verbindet eine ungewöhnliche Lebensgeschichte: Podlak wurde als Kind mit seiner Familie als Zwangsarbeiter nach Breslau verschleppt, während Hempels Familie seit Generationen in der Stadt lebte. Aus unterschiedlichen Perspektiven erlebten beide die letzten Kriegsmonate in Breslau.

Filmstill Schicksal_Los © Maciej Lulko
Zwei Lebensgeschichten, eine gemeinsame Stadt

Die Idee zu „Schicksal/Los“ entstand aus Joanna Mielewczyks langjähriger Beschäftigung mit der Geschichte Breslaus. Die gebürtige Breslauerin hat als Journalistin mehr als 300 Menschen interviewt, die nach dem Krieg aus unterschiedlichen Gründen nach Breslau kamen und dort ein neues Leben aufbauten. Darüber hinaus sprach sie mit ehemaligen deutschen Bewohnern der Stadt, die Breslau während oder nach dem Krieg verlassen mussten. Gerade die persönlichen Geschichten der ehemaligen deutschen Breslauer sind für Mielewczyk ein wichtiger Bestandteil der Stadtgeschichte. Sie selbst wuchs in einer Stadt auf, deren Architektur und öffentlicher Raum noch überall von ihrer deutschen Vergangenheit zeugen. Die persönlichen Erinnerungen der früheren Bewohner waren ihr dagegen lange nicht zugänglich. „Die Suche nach diesen Geschichten und den Spuren ehemaliger Bewohner wurde zu meiner Leidenschaft und meiner Aufgabe“, sagt Mielewczyk. Sie versteht Breslau als ein Palimpsest, eine Stadt, deren Geschichte von den aufeinanderfolgenden Generationen ihrer Bewohner immer wieder neu überschrieben wurde.

Jerzy Podlak, Schicksal_Los © Maciej Lulko

Jerzy Podlak und Jürgen Hempel lernte sie zunächst im Rahmen ihrer Radiosendung „Kamienice“ kennen, in der sie die Geschichte Breslaus anhand der Lebensgeschichten seiner Bewohner erzählt. Dabei stellte sie fest, dass beide Männer trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Perspektive von erstaunlich ähnlichen Erfahrungen berichteten. „Als mir bewusst wurde, wie viele gemeinsame Erfahrungen sie verbanden, entstand die Idee, sie ihre Geschichte noch einmal erzählen zu lassen – diesmal vor der Kamera – und sie zum ersten Mal in ihrem Leben miteinander ins Gespräch zu bringen“, berichtet die Regisseurin.

Aus der Perspektive eines Kindes

Eine besondere Rolle im Film übernimmt Mielewczyks Sohn Bartek. Er ist ungefähr so alt, wie Hempel und Podlak während der Zeit der Festung Breslau waren, und befragt die beiden Zeitzeugen. Mit dieser bewussten Entscheidung wollte die Regisseurin die Perspektive der Kinder sichtbar machen, die den Krieg in der eingeschlossenen Stadt erleben mussten. Ihr Sohn war auf die Gespräche vorbereitet und kannte die Lebensgeschichten der beiden Protagonisten. Dennoch entstanden viele der eindringlichsten Fragen spontan aus seiner eigenen Neugier. „Die besten und mutigsten Fragen stellte mein Sohn ganz von selbst“, erinnert sich Mielewczyk. „Sein Mut hat mich sehr beeindruckt.“

Ein Film über Krieg, Kinder und die Hoffnung auf ein Leben danach

„Schicksal/Los“ feierte seine Filmpremiere im Januar 2023 und angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine wurde er allen Kindern gewidmet, die unter Kriegen leiden. Die Geschichte von Breslau verweist für sie über die historische Situation hinaus auf die Gegenwart. Bei einer Diskussion über die Stadtgeschichte sagte eine aus der Ukraine nach Breslau geflüchtete Einwohnerin: „Die Geschichte Breslaus zeigt, dass es ein Leben nach dem Krieg gibt.“ Für Mielewczyk gehören diese Worte zu den eindrücklichsten Reaktionen auf ihren Film.

Begegnung als Brücke zwischen Deutschland und Polen

Auch für die heutigen deutsch-polnischen Beziehungen sieht Mielewczyk in der Begegnung ihrer beiden Protagonisten eine wichtige Botschaft. Jerzy Podlak und Jürgen Hempel standen als Kinder auf unterschiedlichen Seiten derselben Geschichte. Heute verbindet sie eine enge Freundschaft. Podlak bringt diese Gemeinsamkeit in einem Satz auf den Punkt: „So wie du Breslau damals gegen deinen Willen verlassen musstest, wurde ich ebenfalls gegen meinen Willen in diese Stadt gebracht.“ Für Mielewczyk zeigt die Geschichte der beiden Männer, dass persönliche Beziehungen Grenzen und unterschiedliche historische Erfahrungen überwinden können. Gerade in Zeiten, in denen die deutsch-polnischen Beziehungen wieder von Spannungen geprägt sind, seien Offenheit, Begegnung und gegenseitiges Zuhören besonders wichtig. „Ich hoffe, dass ich mit diesem Film einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte, eine Brücke zwischen unseren Geschichten und den verschiedenen Erinnerungen an die gemeinsame Geschichte unserer Stadt zu schlagen“, sagt die Regisseurin.

Jürgen Hempel, Schicksal_Los © Maciej Lulko
Gespräch mit Joanna Mielewczyk und Jürgen Hempel

Im Anschluss an die Filmvorführung haben die Besucher die Gelegenheit, mit Joanna Mielewczyk und Jürgen Hempel ins Gespräch zu kommen. Dabei geht es nicht nur um die Entstehung des Films, sondern auch um persönliche Erinnerungen an Breslau, die Erfahrungen während der letzten Kriegsmonate und die Frage, welche Bedeutung diese Geschichte für die Gegenwart hat. Als Protagonist und Zeitzeuge bringt Jürgen Hempel dabei eine persönliche Perspektive in das Gespräch ein, die den Film unmittelbar mit der Geschichte Breslaus und den individuellen Erfahrungen seiner damaligen Bewohner verbindet.

Über Joanna Mielewczyk

Die Breslauerin Joanna Mielewczyk studierte Journalismus an der Universität Breslau sowie Architektur an einer Fachschule. Seit 25 Jahren arbeitet sie als Radiojournalistin. Seit acht Jahren gestaltet sie beim Breslauer Radio RAM Gesprächsreihen mit ehemaligen und heutigen Bewohnern Breslaus. Bislang hat sie mehr als 300 Interviews geführt und fünf Bände der Buchreihe „Kamienice“ veröffentlicht. Darin erzählt sie die Geschichte Breslaus aus der Perspektive der Häuser, in denen Menschen lebten. Heute lebt Joanna Mielewczyk mit ihrer Familie in Görlitz. Dort sammelt sie Geschichten von Menschen auf beiden Seiten der Neiße. Sie plant, ein Buch über diesen außergewöhnlichen, durch eine Grenze verbundenen Ort zu schreiben.

Joanna Mielewczyk © Miriola Dzik
Filmischer Gesprächskreis im Oberschlesischen Landesmuseum

Seit Anfang 2026 bereichert der „Filmische Gesprächskreis“ das Veranstaltungsprogramm des Oberschlesischen Landesmuseums. Einmal im Monat verbindet diese Reihe eine Filmvorführung mit einem anschließenden Austausch mit Filmschaffenden, Zeitzeugen oder Experten. Die Vorführung von „Schicksal/Los“ und das anschließende Gespräch mit Joanna Mielewczyk und Jürgen Hempel finden in Kooperation mit dem Generalkonsulat der Republik Polen in Köln sowie dem Gerhart-Hauptmann-Haus Düsseldorf statt.

Termin: Samstag, 5. September 2026, 12 Uhr, Eintritt frei
Veranstaltung: Filmvorführung „Schicksal/Los“ mit anschließendem Gespräch mit Joanna Mielewczyk und Jürgen Hempel
Veranstaltungsort: Oberschlesisches Landesmuseum/Haus Oberschlesien, Bahnhofstraße 71, 40883 Ratingen
Anmeldung: Sitzplatzreservierungen werden bis einschließlich 3. September 2026 per E-Mail unter vermittlung@oslm.de entgegengenommen.
Kooperationspartner: Generalkonsulat der Republik Polen in Köln und Gerhart-Hauptmann-Haus Düsseldorf

Text: Katarzyna Schieweck, Pressemitteilung des OSLM vom 11.08.2026