„Sonderhäftlinge“ in der Hindenburg-Baude

Verwandte der Hitler-Attentäter in Schlesien 

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurden Angehörige der Verschwörer einen Monat lang in einer Berghütte bei Bad Reinerz (Duszniki Zdrój) inhaftiert.

Dass Schlesier am Widerstand gegen Adolf Hitler beteiligt waren, ist allgemein bekannt. Viel seltener wird hingegen erwähnt, dass die Region in diesem Zusammenhang auch noch eine andere Rolle spielte: Schlesien war Verhaftungsort einer großen Gruppe Angehöriger der Attentäter vom 20. Juli 1944. Etwa 30 von ihnen, zuvor von der Gestapo in Sippenhaft genommen, wurden im November 1944 nach Grunwald (Zieleniec) bei Bad Reinerz verbracht und dort in der Hindenburgbaude interniert.

Die Hindenburgbaude auf einer Postkarte aus den 1930er Jahren. Quelle: www. polska-org.pl

Der Ort wurde nicht zufällig gewählt. Grunwald lag abgeschieden an den Hängen des Adlergebirges (Góry Orlickie) und galt damals als höchstgelegenes Dorf Preußens. In der Gruppe befanden sich Alexander Schenk von Staufenberg, Bruder der hingerichteten Claus und Berthold, dessen Ehefrau Maria sowie die Cousins des Attentäters Markwart und Klemens Schenk von Staufenberg – letzterer mit seiner Frau Elisabeth und drei erwachsenen Kindern. Überdies gehörten unter anderem auch Anneliese Goerdeler, deren Mann Carl Friedrich im Februar 1945 hingerichtet wurde, zwei Töchter des Ehepaares und die Familie Hofacker zu den „Sonderhäftlingen“.

Alexander Schenk Graf von Stauffenberg, Bruder der von den Nazis hingerichteten Claus und Berthold. Foto von 1958. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-53829-0001 /, Wikimedia Commons

„Nach der wochenlangen Gefängnishaft ist das Leben in der Hindenburg-Baude entspannt, auch wenn natürlich eine Wachmannschaft im Haus einquartiert ist. Doch die Männer halten sich diskret zurück […] und lassen ihre Gefangenen ungestört ihre Mahlzeiten einnehmen […]. In kleinen Grüppchen dürfen sie sogar alleine spazieren. Wohin sollten sie auch fliehen, ohne Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, ohne Papiere und Lebensmittelmarken?“ schrieb Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach in ihrem Buch „Geisterkinder“, in dem sie sich mit dem Schicksal ihrer Mutter und deren Geschwistern in Himmlers Sippenhaft auseinandersetzt. Am Ende erwies sich der vierwöchige Aufenthalt in der Hindenburg-Baude doch nur als eine kurze Atempause. Bereits Anfang Dezember wurden die Häftlinge in das östlich von Danzig (Gdańsk) gelegene KZ Stutthof verbracht. Die meisten „Sonderhäftlinge“ überlebten den Krieg.

Grunwald heute. Quelle: Jacek Halicki, Wikimedia Commons

Die auf 975 Metern gelegene Hindenburgbaude gehörte damals zu den jüngsten Berghütten in den schlesischen Sudeten. Sie wurde 1928 auf Initiative des Glatzer Bergvereins erbaut. Das zweistöckige Gebäude aus Holz und Mauerwerk verfügte über 45 Betten in 23 Zimmern sowie einen Gemeinschaftsraum und einen Speisesaal mit regionaler, sudetischer Einrichtung. Bei ihrer ländlichen Stilistik galt die Hindenburg-Baude als modern und elegant. Sie warb für sich mit dem Argument, sie böte die schönsten Aussichten in der ganzen Grafschaft Glatz. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die nur etwa 500 Meter von der tschechoslowakischen Grenze entfernte frühere Berghütte dem polnischen Grenzschutz. Mitte 1948 wurde sie dem Staatlichen Amt für Sport übergeben, doch schon im November desselben Jahres zerstörte sie ein Brand. Auch von den fünf weiteren Berghütten, die sich 1945 ebenfalls im Massiv der Hohen Menze (Orlica) befanden, überdauerte keine bis in unsere Zeit. Als letzte wurde 1967 die ehemalige Ritterbaude abgetragen.

Text: Dawid Smolorz