Wie Phönix aus der Asche: Die neue Altstadt von Glogau

1945 wurde die Innenstadt von Glogau (Głogów) zu etwa 75 Prozent zerstört

Seit den 1980er Jahren wird die Altstadt konsequent wiederaufgebaut.

Im Jahr 1945 wurde die Innenstadt von Glogau (Głogów) während der anderthalb Monate dauernden Belagerung durch die Sowjets insgesamt zu etwa 75 Prozent zerstört. Der historische Stadtkern hörte fast komplett auf zu existieren. Seit den 1980er Jahren wird die Altstadt wiederaufgebaut.

Die Altstadt von Glogau 1958. Quelle: Fotopolska.eu

Wegen seiner Lage an der Oder war Glogau schon immer ein strategisch und militärisch wichtiger Ort. Deshalb litt er meist stark in den Krisenzeiten, unter anderem während des Dreißigjährigen Krieges und der Schlesischen Kriege. Doch keiner dieser Konflikte hatte für die Bausubstanz derart schwerwiegende Konsequenzen wie der Zweite Weltkrieg. Im Mai 1945 lag das von Adolf Hitler zur Festung erklärte Glogau in Schutt und Asche. Dass es irgendwann wieder eine Stadt im wahrsten Sinne des Wortes sein wird, konnte man sich schwer vorstellen. Und zwar nicht nur wegen der Zerstörung der Bausubstanz. Durch Evakuierung, Belagerung und Vertreibung verlor Glogau auch seine alteingesessenen deutschen Einwohner.

Ring mit Rathaus. Quelle: Tony. www.polska.org.

Seit Sommer 1945 ließen sich in den nicht zerstörten Teilen der Stadt Polen nieder, doch blieb die Bevölkerungszahl noch lange von den Werten von vor 1939 weit entfernt, als in Glogau 33.500 Menschen lebten. An einen systematischen Wiederaufbau wurde lange nicht gedacht. Im Gegenteil. Die Ruinen wurden als Reservoir des Baumaterials genutzt. Mehrere der beschädigten Gebäude wurden komplett abgerissen und die so gewonnenen Ziegel verwendete man beim Wiederaufbau Warschaus bzw. beim Bau der neuen „sozialistischen Städte“ Nowa Huta (heute Stadtteil von Krakau/Kraków) und Tichau (Tychy). Im Jahr 1960 hatte Glogau nur noch 10.000 Einwohner. Ein schnelleres Bevölkerungswachstum verzeichnete es erst seit der Entdeckung der Kupferlagerstätten im Raum Liegnitz (Legnica) – Polkwitz (Polkowice), dem Bau der ersten Kupferbergwerke und des Hüttenwerkes „Głogów“ in den späten 1960er Jahren. Neue Wohnviertel entstanden außerhalb des historischen Zentrums. Deshalb blieb die Altstadt noch bis in die 1980er Jahre eine große, kaum bebaute und weitgehend mit Gras bewachsene Fläche, deren traurige Markenzeichen die Ruinen des Rathauses und der gotischen Nikolaikirche waren.

Das wiederaufgebaute Rathaus. Quelle: Andrzej Otrębski, Wikimedia Commons

Im Jahr 1984 begann mit der Rekonstruktion des Rathauses offiziell der Wiederaufbau des historischen Stadtkerns. Wichtig waren in diesem Zusammenhang zwei Entscheidungen: dass das ursprüngliche Straßengitter wiederhergestellt wird und dass die neuen Bauten stilistisch mehr oder weniger an die Vergangenheit anknüpfen sollten. Von Anfang an war auch klar, dass der Ring (Marktplatz) wieder den Mittelpunkt Glogaus bilden wird.

Gasse in der „neuen“ Altstadt. Quelle: Matthew991, Wikimedia Commons

Auch wenn der Wiederaufbau noch nicht komplett abgeschlossen wurde, hat Glogau heute wieder eine Altstadt. Schritt für Schritt wurde die bis dahin leere Fläche bebaut. Auch wurden einige historische Gebäude wiederbelebt, um das Rathaus mit dem höchsten Rathausturm Schlesiens und das Andreas-Gryphius-Theater zu nennen. Seit den 1990er Jahren dient auch die in der einstigen Domvorstadt gelegene, 1945 stark in Mitleidenschaft gezogene Stiftskirche Mariä Himmelfahrt wieder den Gläubigen. Nicht geplant ist hingegen der Wiederaufbau der St. Nikolaikirche, die in Zukunft als sog. permanente Ruine für Touristen zugänglich gemacht wird.

Als eines der wenigen Relikte erinnert die St. Nikolauskirche an die Zerstörung der Stadt im Frühjahr 1945. Quelle: Zetem, Wikimedia Commons

Der Wiederaufbau der Glogauer Altstadt war bzw. ist in vieler Hinsicht ein untypisches Vorhaben. Vor allem, weil mit ihrer Rekonstruktion erst vier Jahrzehnte nach der Zerstörung begonnen wurde. Zudem entschloss man sich dort – anders als in den meisten mittelgroßen bzw. kleineren Städten Schlesiens – an Stelle der nicht existierenden Bürgerhäuser keine Wohnblocks zu errichten, sondern Gebäude, die historisch anmuten sollten.

Text: Dawid Smolorz