Ein kleiner Platz im Zentrum von Breslau (Wroclaw) hat einen neuen Namen bekommen
Bekannt ist hier das Kardinal-Kominek-Denkmal mit dem Spruch: Wir vergeben und bitten um Vergebung.
Am 25. Februar 2026 fand auf der Sandinsel (Wyspa Piaskowa), in der Nähe des Denkmals von Kardinal Bolesław Kominek, eine besondere Feierlichkeit statt. Dem Platz wurde ein neuer Name gegeben – der Platz der Versöhnung. Dieses Ereignis stand eng mit dem Abschluss der Feierlichkeiten zum Jahr 2026 als Jahr der Versöhnung.


Im Jahre 2025 jährte sich zum 60. Mal die Verfassung durch den Breslauer Kardinal Kominek eines Briefes der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Mitbrüder. In dem Brief stand der berühmte Satz: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Während des Versöhnungsjahres hatten die Breslauer die Möglichkeit, an 269 Veranstaltungen teilzunehmen: 135 davon hatten einen Musik-, 83 einen Bildungs- und 26 einen Gesellschaftscharakter. 14 davon waren mit den Konferenzen, drei mit Feierlichkeiten und acht allgemein mit den Ideen der Versöhnung verbunden. Menschen aus fünf Länder waren daran beteiligt.
Der neu genannte Platz soll an die Bedeutung der Völkerverständigung erinnern und die Rolle von Breslau als einer offenen und Brücken bauenden Stadt hervorheben.

Zur feierlichen Benennung des Platzes kamen Vertreter des Stadtrates (u.a. Stellvertreterin des Stadtrates Agnieszka Rybczak), des Stadtpräsidenten (Vizepräsidenten Michał Młyńczak, Jakub Mazur und Ryszard Kessler), Vertreter der Kirche (u.a. Bischof Maciej Mały), der städtischen Institutionen, die in die Tätigkeiten der vielen Initiativen engagiert waren, sowie Vertreter von IPN, Ossolineum, CH Zajezdnia (Andrzej Jerie) und des Deutschen Generalkonsulats in Breslau (Stellvertreter des Generalkonsuls Torsten Göhler).
Die Vertreterin des Stadtrates – Agnieszka Rybczak – bedankte sich bei den Mitgliedern des Stadtrates für die einstimmige Entscheidung zur Benennung des Platzes. Mit diesem Beschluss wollten sie die vielschichtige Bedeutung der Versöhnung bekannt machen und einen grundlegenden Schritt in den sozialen und internationalen Beziehungen vollziehen.
Der Bischof Maciej Mały unterstrich, dass dieses Ereignis ideal in die Fastenzeit passt, die eine Zeit der Buße und der Versöhnung ist und wandte sich an die Anwesenden mit einem Appell, Mut zu haben, die Hand an den anderen Menschen auszustrecken.
Der Stellvertreter des Stadtpräsidenten – Michał Młyńczak – versicherte, dass das Jahr eine Inspiration für den Aufbau einer Gemeinschaft war, die auf der Idee der Verständigung wachsen wird. Der Platz soll ein festes Zeichen dieser Idee bleiben. Er soll an die Idee der Völkerverständigung erinnern, aber auch ein Beweis dafür sein, dass Wrocław eine offene, mutig in die Zukunft schauende Stadt ist, die konsequent seit Jahren Brücken baut. Das Ereignis war eine Gelegenheit für das Zusammentreffen Aller, die in diese Ideen engagiert waren und sind.
Die Feierlichkeiten konnten selbstverständlich ohne Vertreter der deutschen Seite nicht stattfinden. Schöne Worte zur Einweihung des Versöhnungsplatzes richtete an Alle der Stellvertreter des Generalkonsuls Torsten Göhler.


Grußwort von Torsten Göhler zur Einweihung des Versöhnungsplatzes am Denkmal von Kardinal Bolesław Kominek in Breslau (Wrocław)
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Breslauer und Breslauerinnen,
ich freue mich, heute hier in Breslau zur Einweihung des „Platzes der Versöhnung“ am Denkmal vom Kardinal Boleslaw Kominek zu Ihnen zu sprechen.
Dieser Platz, dieses Denkmal sind ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Erinnerung lebendig bleibt – und dass Versöhnung einen sichtbaren Ort in unserer Mitte verdient.
Kardinal Kominek war einer der geistigen Wegbereiter jenes historischen Briefes der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder im Jahr 1965. Die Worte „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ waren ihrer Zeit weit voraus. Sie waren ein moralischer Wendepunkt in der Geschichte unserer beiden Nationen – ausgesprochen in einer Zeit der politischen Spannungen, der geschlossenen Grenzen und der tiefen Verletzungen.
Dass dieser Platz heute den Namen der Versöhnung trägt und sich am Denkmal von Kardinal Kominek befindet, ist mehr als eine symbolische Geste. Es ist eine Erinnerung daran, dass Mut zur Versöhnung nicht abstrakt bleibt. Es braucht Orte, die uns täglich daran erinnern, was Versöhnung heißt. Und vor allem macht er uns bewusst, dass Versöhnung kein Selbstläufer ist, täglich neu erkämpft werden muss. Das Ziel ist gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Freundschaft unserer Völker – unverzichtbare Basis für eine lebenswerte Zukunft in Europa.
Gerade hier in Breslau – einer Stadt, die wie kaum eine andere für historischen Bruch und Neubeginn steht – wird deutlich, was Versöhnung bedeutet. Diese Stadt hat Zerstörung erlebt, Verlust, Vertreibung und Neuanfang. Heute ist sie ein europäisches Zentrum des Dialogs, der Kultur und der Verständigung und zugleich ein lebendiges Zeugnis der jahrhundertelangen Verflechtung deutscher und polnischer Kultur.
Der Versöhnungsplatz lädt uns ein, innezuhalten. Er erinnert uns in schwieriger Zeit daran, dass Frieden nicht selbstverständlich ist. In einer Zeit, in der Krieg, Polarisierung und nationale Egoismen wieder an Einfluss gewinnen, ist die Botschaft dieses Ortes aktueller denn je. Versöhnung ist keine Schwäche. Sie ist eine Form der Stärke, aus der Zukunft wächst.
Wir Deutschen wissen, was wir Polen verdanken – den Mut zur ausgestreckten Hand, das Vertrauen in eine gemeinsame Zukunft und die Bereitschaft, über historische Verletzungen hinauszugehen. Ohne Persönlichkeiten wie Kardinal Kominek wäre der Weg der deutsch-polnischen Verständigung sicher ein anderer gewesen.
Möge dieser Versöhnungsplatz ein Ort der Begegnung sein. Ein Ort des Erinnerns – aber auch des Aufbruchs. Ein Ort, an dem junge Menschen fragen, was Versöhnung heute bedeutet. Und an dem wir uns immer wieder bewusstmachen: Frieden beginnt mit dem ersten Schritt aufeinander zu. Lassen Sie uns diesen Geist bewahren – hier, in Breslau, und in ganz Europa.


Nach allen Ansprachen wurde der neue Platz eingeweiht, indem eine Tafel mit dem neuen Namen enthüllt wurde.
Text und Bilder: Małgorzata Urlich-Kornacka
