Vergessene Schlesier im Posener Land
Im südlichen Teil der Region Posen leben seit etwa vier Jahrhunderten Nachkommen schlesischer Siedler.
Im südlichen Teil der Region Posen, östlich der Kreisstadt Rawitsch (Rawicz), leben seit etwa vier Jahrhunderten Nachkommen schlesischer Siedler. Sie pflegen ihre Bräuche, Identität und teilweise auch Mundart, die sich von der ihrer großpolnischen Nachbarn eindeutig unterscheidet.

Sie kamen im 16. und 17. Jahrhundert aus dem habsburgischen Schlesien, um die damals von dichten Wäldern bewachsenen grenznahen Gebiete der polnisch-litauischen Adelsrepublik urbar zu machen. Ursprünglich hatten die meisten von ihnen im Norden Schlesiens gelebt. Der Weg in die neue Heimat war daher nicht lang gewesen. Da sie slawischsprachig waren, bedeutete die Auswanderung zwar einen Umzug in eine andere politische Realität, nicht aber in ein fremdes Sprachgebiet. Je nach Quelle umfasst das Land der Hasaken (polnisch: Hazy) zehn bis 16 Dörfer. Als älteste Siedlungen gelten das 1580 gegründete Gründorf (Zielona Wieś), Ugoda (poln. Ugoda, gegr. 1620) und Lonkta (poln. Łąkta, gegr.1630).

Aufgrund der Lage ihrer Siedlungen in schwer zugänglichen, sumpfigen Gebieten lebten die Nachkommen der Einwanderer lange Zeit von der übrigen Bevölkerung der Region Posen weitgehend isoliert, wodurch sie ihren charakteristischen Dialekt mit zahlreichen altschlesischen Elementen erhalten haben. Wohlgemerkt brach im Laufe der Jahrhunderte der Kontakt zu der ja nicht weit entfernten alten Heimat unter anderem auch deswegen ab, weil in den benachbarten Teilen des habsburgischen und später preußischen Schlesien allmählich das Deutsche zur Umgangssprache wurde.

Wie viele Kolonisten-Gemeinschaften bildeten auch die Hasaken eine nach außen geschlossene Gruppe, in der Heiraten unter sich lange Zeit die Regel war. Wegen dieser zum Teil bewussten Isolation wurden die Nachkommen der Siedler noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts von den übrigen Einwohnern des Posener Landes als Fremde bzw. Andersartige empfunden.
Nicht endgültig geklärt ist die Herkunft der Bezeichnung „Hasaken“ (poln. Hazacy). Die Gruppe selbst bezeichnet sich als „Lassoki“, also Waldbewohner. Nach einer der Überlieferungen soll sich ihr Name von den „hazuka“ ableiten – langen Mänteln, die hasakische Männer einst trugen. Der aus der dortigen Gegend stämmige Historiker Jerzy Burchardt wies jedoch eindeutig auf das deutsche Wort „Hase“ als den Ursprung dieser Bezeichnung hin, was bei Einwohnern ausgedehnter Waldgebiete freilich eine Rechtfertigung hätte.

Auch wenn der Gebrauch des Dialekts in den letzten Jahrzehnten stark zurückging, stellt das Gebiet nach wie vor eine eigenständige ethnografische Region dar. Weit über ihre Grenzen hinaus sind die hasakischen Trachten und einige für die dortige Gegend typische Bräuche bekannt, wie das Verbrennen der Lehmtöpfe mit Żur (der Sauermehlsuppe) zum Ende der Fastenzeit, das in ähnlicher Form auch in einigen ländlichen Gegenden Oberschlesiens immer noch gepflegt wird. In der ethnografischen Dauerausstellung im Museum des Rawitscher Landes (Muzeum Ziemi Rawickiej) wird auch die Eigenarrt der Hasaken thematisiert. Vor Ort kümmern sich unter anderem die Tanz- und Gesangsgruppen „Hojnioki“ und „Wisieloki“ um die Aufrechterhaltung des historischen Liedgutes und der alten Bräuche. Im Jahr 2024 wurde die Kultur der Hasaken auf die polnische Liste des immateriellen Erbes eingetragen.
Die vom Museum des Rawitscher Landes herausgegebene illustrierte, polnischsprachige Broschüre über die Hasaken und ihr Siedlungsgebiet kann hier heruntergeladen werden.
Text: Dawid Smolorz
