Vor 90 Jahren konnte man mit 160 km/h durch Schlesien rasen
Für die etwa 500 km lange Strecke Beuthen – Berlin Schlesischer Bahnhof (heute Ostbahnhof) brauchte der „Fliegende Schlesier“ ca. viereinhalb Stunden.
Vor 90 Jahren begann in der Region die kurze Geschichte der „fliegenden Züge“. Für die etwa 500 km lange Strecke Beuthen – Berlin Schlesischer Bahnhof (heute Ostbahnhof) brauchte der „Fliegende Schlesier“ circa viereinhalb Stunden. Heute muss man bei der vergleichbaren Direktverbindung Kattowitz – Berlin-Ostbahnhof bestenfalls mit einer knapp sechsstündigen Reise rechnen.

In den Pressebeiträgen über die Inbetriebnahme des Schnelltriebwagen-Verkehrs zwischen Oberschlesien und der Hauptstadt Berlin dominierte selbstverständlich Begeisterung. Schließlich gehörten die deutschen „fliegenden Züge“ mit ihrer Geschwindigkeit von bis zu 160 km/h zu den schnellsten im damaligen Europa. Neben dem „Fliegender Beuthener“ (so die frühe Bezeichnung, später setzte sich der Name „Fliegender Schlesier“ durch) verkehrten Züge ähnlicher Bauarten unter anderem auch zwischen Berlin und Hamburg, Köln sowie München.

Im Bericht über die erste Fahrt des neuen Schnelltriebwagens am 15. Mai 1936 war in dem in Gleiwitz erscheinenden „Oberschlesischen Wanderer“ folgendes zu lesen: „Es ist tatsächlich unmöglich, die Stationen, an denen wir vorbeifahren, an den Schildern zu erkennen. Im Wagen selbst spürt man kaum die enorme Geschwindigkeit, doch sobald man aus dem Fenster sieht, und die Bäume und Telegrafenstangen nur so vorüberflitzen, bekommt man doch einigen Respekt vor solchem Tempo. (…) Bei den Versuchsfahrten wurden sogar bis zu 210 km/h erreicht.“ Die deutschsprachige ostoberschlesische „Kattowitzer Zeitung“ bezeichnete den „Fliegenden Beuthener“ als Wunder der Technik und zitierte die Aussage eines Fahrgastes, der mit Humor gesagt haben soll: „Anderthalb Stunden von Beuthen nach Breslau. Hier wird es sich ja nun nicht mehr lohnen, die Skat-Karten herauszunehmen“. Gleichzeitig fehlte es auch nicht an Warnungen. „Der oberschlesische Wanderer“ wies mit Nachdruck darauf hin, dass das Betreten der Gleise strengstens verboten sei und dass Bahnübergänge immer nur mit der gebotenen Vorsicht überquert werden dürften. „Bei einer Geschwindigkeit von 44 Metern in der Sekunde ist ein Entrinnen fast unmöglich!“, schrieb die Tageszeitung.

Im Jahr 2006 erzählte Jadwiga Plitzko aus Kandrzin (Kędzierzyn) in der Sendung „Archiwum XX wieku“ von Radio Opole über ihre Erfahrungen mit dem „Fliegenden Schlesier“. Da sie unweit des Bahnhofs wohnte, konnte sie ihn oft beobachten. „Er sah sehr elegant aus, wenn er oben über die Brücken fuhr! Damals wurden alle anderen Züge von Dampfloks gezogen, nur der ‚Fliegende Schlesier‘ nicht. Als er zum ersten Mal nach Kandrzin kam, wunderten sich manche darüber, dass der Zug von alleine fuhr – ohne Lokomotive“, so die Zeitzeugin. Nicht nur der Umstand, dass der Schnelltriebwagen keine klassische Lok hatte, war ein Novum. Als äußerst modern galt auch seine aerodynamisch gestaltete Silhouette. Eine Neuheit war zudem die Verwendung des Verbrennungsmotors. Dies gewährleistete nicht nur eine entsprechende Leistung, sondern bedeutete auch eine Zeitersparnis. Denn die Dampfloks mussten je nach Bauart und Strecke alle 50 bis 150 km Wasser tanken und Kohle nachfüllen. Das verlängerte freilich die Gesamtfahrdauer.
Jadwiga Plitzko ist mit dem „Fliegenden Schlesier“ auch selbst gefahren und zwar von Kandrzin nach Breslau (Wrocław) und zurück. „Der Zug fuhr so schnell, dass ich den Eindruck hatte, als würden wir fliegen. Das typische Geräusch eines fahrenden Zuges war nicht zu hören, nur Rauschen. Bei uns nannte man ihn manchmal scherzhaft nicht ‚Fliegender Schlesier‘, sondern ‚Fliegender Pieron‘“, erinnerte sich die Kandrzinerin.

Die Geschichte der „fliegenden Züge“ endete in Schlesien nach nur drei Jahren, im August 1939. Im Zusammenhang mit dem geplanten Krieg wurden ihre Fahrten eingestellt. Die spätere Entwicklung und die Verschiebung der Staatsgrenze 1945 bewirkten, dass die Schnelltriebwagen der Deutschen Reichsbahn in Schlesien nie wieder eingesetzt wurden.
Text: Dawid Smolorz
Anm. der Redaktion: Über den „Fliegenden Schlesier“ schrieb Dawid Smolorz bereits vor fünf Jahren anlässlich des 85. Jahrestags seiner ersten Fahrt den Text „Die Legende auf Schienen“
