Neuerscheinung: „Nasi Niemcy“ (Unsere Deutschen) von Maciej Falkowski

Neues Buch des polnischen Verlags Czarne erinnert an Deutsche im polnischen Kerngebiet

Eine Wiederentdeckung des Vergessenen und Verdrängten – und Anlass, deutsch-polnische Beziehungen neu zu denken.

Manch polnischer Leser wird bei der Lektüre des Buches „Nasi Niemcy“ (Unsere Deutschen) von Maciej Falkowski überrascht sein. Denn mit „unseren Deutschen“ meint der Autor nicht die Einwohner der ehemaligen Ostprovinzen des Reiches im heutigen West- und Nordpolen.

Es ist kaum möglich, in Polen einen Landstrich zu finden, in dem es vor 1945 keine deutschen Siedlungen gab – so die Erkenntnis aus dem frisch erschienenen Band. Wohlgemerkt ist dies eine Erkenntnis, die selbst bei vielen Menschen, die in der Geschichte ihres Landes bewandert zu sein glauben, Verwunderung wecken wird. Die Hauländer bzw. Niederunger aus Masowien, Kujawien und vom Bug, die Galizien-Deutschen, die Deutschen aus dem Cholmer und Lubliner Land, die Lodzer Deutschen, die Walddeutschen aus Kleinpolen, die vor dreihundert Jahren im polnischen Element aufgingen, und die Posener Bamberger, die nicht vertrieben wurden, weil sie sich Mitte des 20. Jahrhunderts bereits mehrheitlich als Polen fühlten. All diese Gruppen, die sich zu verschiedenen Zeitpunkten und unter verschiedenen Umständen im östlichen Nachbarland niederließen, stellen das Interessensfeld des Autors dar. 

Der Ort Deutsch Golkowitz (Gołkowice Dolne) bei Neu Sandez (Nowy Sącz) in der Region Kleinpolen wurde im 18. Jahrhundert im Rahmen der Josephinischen Kolonisation  gegründet. Quelle: www.sadeckiwloczykij.eu/2022/03/kolonie-jozefinskie-niemcy-na-sadecczyznie.html

Vor allem im Bewusstsein der Einwohner Mittel- und Ostpolens sei die Erinnerung an die deutschen Nachbarn stark verblasst, so der Verfasser, ein in der Region Podlachien aufgewachsener Politologe. Dabei brauche man sich in seiner jeweiligen Heimatgegend nur kurz umzuschauen, um einen verwucherten evangelischen Friedhof, eine „umfunktionierte“ evangelische oder mennonitische Kirche oder oft auf kleinen, künstlichen Erhebungen erbaute typische Hauländer-Häuser zu finden. In sieben Kapiteln führt Falkowski den Leser durch verschiedene Regionen Mittel-, Süd- und Ostpolens, die bis heute von der Präsenz deutscher Bevölkerung geprägt sind. Mal ist diese Prägung immer noch ganz deutlich, auch wenn von Orten und Gebieten die Rede ist, die nur wenige Dutzend Kilometer von der polnischen Hauptstadt entfernt liegen. Mal braucht man hingegen den zweiten oder sogar den dritten Blick, um nach über 80 Jahren seit Flucht und Vertreibung bzw. Umsiedlung durch die Nazis deutsche Spuren zu finden.

Der Autor sucht nicht nur nach materiellen Relikten. Er betreibt auch eine Art mentale Archäologie, indem er auf Grundlage von Gesprächen mit Menschen, die heute in den ehemals deutschen oder gemischten deutsch-polnischen Dörfern, aus Scherben der Erinnerungen versucht, ein Bild der nicht immer unkomplizierten, aber bis 1939 in der Regel friedlichen deutsch-polnischen Nachbarschaft zusammenzubauen.

Eines der aus Raseneisenstein erbauten sog. eisernen Häuser der deutschen Kolonisten aus der Umgebung der mittelpolnischen  Stadt Pyzdry. Quelle: MOs810, Wikimedia Commons

Für Fachleute ist es zwar keine Entdeckung, interessierte Laien werden aber überrascht sein, wenn sie aus Falkowskis Buch erfahren, dass in den kernpolnischen Gebieten mindestens ein altes Kolonisten-Dorf die Wirren der Geschichte überstand und bis heute teilweise von den Nachkommen der Siedler aus Norddeutschland und den Niederlanden bewohnt ist. In dem an der Grenze zu Weißrussland gelegenen Mościce Dolne, das ursprünglich Neydorf hieß, leben mehrere sprachlich slawisierte protestantische Familien, deren Vorfahren 1617 der Einladung eines hochadligen Großgrundbesitzers folgten und sich am Bug niederließen.

Posener Bambergerin, Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert. Quelle: http://cyfrowearchiwum.amu.edu.pl/archive/2061

Ein Kapitel widmet der Autor der eigenen Familiengeschichte, die genauso wie die Geschichte aller deutschen Siedlergruppen in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg verdrängt und vergessen wurde. Eine seiner Großmütter, die er unter einem polnischen Vor- und Nachnamen kannte, war – wie er erst nach ihrem Tod erfuhr – eine Masowien-Deutsche. In spannender Form berichtet Falkowski über die mühsame Rekonstruierung des Schicksals seines deutschen Familienzweigs, der einst in dem am mittleren Weichsellauf gelegenen Ort Kępa Skórecka zu Hause war.

Wie der Verfasser im Vorwort erwähnt, lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in den Grenzen des polnischen Staates etwa eine Million meist alteingesessene Deutsche. Mit seinem Buch trägt er maßgeblich dazu bei, dass die untergegangenen Welten der polnischen Deutschen, die im Jahrhundert der Diktaturen zerstört wurden, vor dem Vergessen bewahrt werden.

Quelle: Verlag Wydawnictwo Czarne (Facebook)

„Nasi Niemcy“ (Unsere Deutschen), Autor: Maciej Falkowski, Sprache: Polnisch, 392 Seiten, Erschienen: Februar 2026, Verlag Czarne (https://czarne.com.pl/)

Text: Dawid Smolorz