Urszula Wilk präsentiert ihre neuesten Arbeiten in Breslau (Wrocław)

Von ephemerer Installation bis zu großformatigen, abstrakten Gemälden

Die Ausstellung in der Galerie Geppart beginnt am 9. Juni und dauert bis 9. Juli 2022.

In der Galerie Geppart in Wrocław (Breslau) sind ab dem 9. Juni 2022 die neuesten Gemälde der Malerin Urszula Wilk zu sehen. Den Ausgangspunkt der Ausstellung bildet eine ephemere Installation, die in einer Naturlandschaft (kleiner Wald auf dem Grundstück der Künstlerin in Księżyce südlich von Wrocław) aus transparenter Folie realisiert wurde, die zwischen Bäumen gespannt und mit blauer Farbe überzogen ist. Die Installation mit dem Titel “Bluemetrie” gehörte 2021 zum Programm von SATELLITEN – Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst in Schlesien des Schlesischen Museums zu Görlitz. Die Teilnehmer der ersten SATELLITEN-Exkursion hatten Gelegenheit, diese Installation vor Ort zusammen mit der Künstlerin zu erleben (s. Księżyce – Satelliten).

Die Installation Bluemetrien im Wald der Künstlerin Urszula Wilk. Fot. Jacek Jankowski © SATELLITEN

“Selbständige, unabhängige, malerische Existenzen”

Die Entmaterialisierung der klassischen Leinwand, die hier durch eine sich bewegende, transparente und sich zeitlich verändernde Oberfläche ersetzt wird, negiert vollständig den traditionellen Status der auf einen Keilrahmen aufgezogenen Malerei. Die Farbe, die während der Aktion im Wald verwendet wird, ist noch flüssig und verändert ihre Lage, ist Wind, Temperatur, Feuchtigkeit, Sonne und Schwerkraft ausgesetzt. Mit der Zeit trocknet sie, verwittert, bröckelt und fällt ab. Die blauen, getrockneten Blätter sind Notationen eines bestimmten Zeitraums, eingefrorene Aufzeichnungen eines flüchtigen Moments. Die Künstlerin zieht sie dann auf einen klassischen, weißen Keilrahmen, der als neuer Kontext für die Komposition dient, die frei von der ein für alle Mal bestimmenden Geste des Künstlers bleibt. Hier lebt die emanzipierte Farbe ein Eigenleben, erhält Volumen und gewinnt einen materiellen, fast skulpturalen Körper. Auf der weißen Fläche platziert, scheint sie nur für einen Moment auf ihr zu hocken und behält dennoch das Potenzial für weitere Bewegungen. Der Betrachter könnte sie ohne große Mühe vom Bild wegblasen.

Urszula Wilk mit ihren Bluemetrien. Foto: privat

Der Titel der Ausstellung Płynność światła, tańce pielgrzymującej wody (The flow of light, the dancing pilgrimage of water) ist ein Zitat aus dem Gedicht “Sojourns in the Parallel World“ (Aufenthalte in der parallelen Welt) der amerikanisch-britischen Dichterin Denise Levertov (1923-1997), ins Polnische übersetzt von Czesław Miłosz. Sicherlich ist die poetische Spur ein guter Schlüssel zur Lektüre von Urszula Wilks Arbeiten, denn in ihrem Werk wird nicht nur der Status des Bildes selbst, sondern auch die Rolle des Schöpfers und des Betrachters poetisch aufgehoben. Die Künstlerin begibt sich in die Rolle der ersten Bewegerin, der Initiatorin der natürlich ablaufenden physikalischen Prozesse, die für die endgültige Form des Werkes mitverantwortlich sind; sie macht sich die Kräfte der Natur zunutze, die – je nach Tageszeit und Wetterlage – das endgültige Werk mitgestalten. Ein Bild entsteht also in der Zeit, es ist einem ständigen Wandel unterworfen, und das Bildmaterial selbst kann sein Teilbild mehrfach verändern. Auch der Betrachter, der aufgefordert wird, zwischen den Werken umherzuwandern und sie aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, erschafft das Bild in gewisser Weise jede Sekunde neu, indem er entscheidet, welchen der Beobachtungspunkte er für diese räumliche Struktur wählt.

In der Ausstellung in der Galeria Geppart werden diese Kompositionen von monumentalen Werken begleitet. Es sind expressiv gemalte Abstraktionen, fernes Echo der beobachteten Landschaften; klassische Gemälde, die den Betrachter mit ihrem stark wirkenden energetischen Feld großer Flächen umfangen. Es lohnt sich, sich ihnen widerstandslos hinzugeben und die Hektik des Alltags hinter sich zu lassen.

Urszula Wilk. Foto: privat

Über die Künstlerin

Urszula Wilk (Jg. 1959) absolvierte 1986 die Kunstakademie in Wrocław (damals Staatliche Hochschule für Bildende Künste) im Malerei-Atelier von Prof. Zbigniew Karpiński. Im Jahr 1989 gewann sie die erste Ausgabe des Geppert-Wettbewerbs. In den 1990er Jahren realisierte sie Aktionen im öffentlichen Raum von Wrocław, bei denen sie die Mittel der Malerei im Kontext der bestehenden Architektur einsetzte. Auch in der freien Natur entstanden viele ihrer Installationen. Sie hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, darunter 1995 die Pollock-Krasner Foundation in New York. Ihre Werke befinden sich in Kunstsammlungen in Polen, Luxemburg und China.

2021 hat Wilk an der ersten Ausgabe des Programms SATELLITEN – Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst in Schlesien teilgenommen. Die Künstlerin lebt in Księżyce (Knischwitz) bei Wrocław.

Urszula Wilk in ihrem Atelier. Foto: Jacek Jankowski © SATELLITEN

Mehr Info zur Künstlerin unter www.urszulawilk.com (Englisch) oder Urszula Wilk – Satelliten (Deutsch).

Ausstellung
Urszula Wilk: „Płynność światła, tańce pielgrzymującej wody“ (The flow of light, the dancing pilgrimage of water)
9.06-09.07.2022
Eröffnung am 9. Juni um
18 Uhr

Galeria Geppart
Anschrift: ul. Księcia Witolda 68/2 (II. Stock)
Öffnungszeiten: Di-Sa 11-18 Uhr

Organisator
Akademia Sztuk Pięknych im. Eugeniusza Gepperta
(Eugeniusz Geppert Akademie der Schönen Künste)

Textgrundlage: Patrycja Sikora, Übersetzung und Redaktion: Agnieszka Bormann

Sojourns in the Parallel World*
Denise Levertov (1923-1997)

We live our lives of human passions,
cruelties, dreams, concepts,
crimes and the exercise of virtue
in and beside a world devoid
of our preoccupations, free
We live our lives of human passions,
cruelties, dreams, concepts,
crimes and the exercise of virtu
in and beside a world devoid
of our preoccupations, freeWe live our lives of human passions,
cruelties, dreams, concepts,
crimes and the exercise of virtue
in and beside a world devoid
of our preoccupations, free
from apprehension – though affected,
certainly, by our actions. A world
parallel to our own though overlapping.
We call it “Nature”; only reluctantly
admitting ourselves to be “Nature” too.
Whenever we lose track of our own obsessions,
our self-concerns, because we drift for a minute,
an hour even, of pure (almost pure)
response to that insouciant life:
cloud, bird, fox, the flow of light, the dancing
pilgrimage of water, vast stillness
of spellbound ephemerae on a lit windowpane,
animal voices, mineral hum, wind
conversing with rain, ocean with rock, stuttering
of fire to coal – then something tethered
in us, hobbled like a donkey on its patch
of gnawed grass and thistles, breaks free.
No one discovers
just where we’ve been, when we’re caught up again
into our own sphere (where we must
return, indeed, to evolve our destinies)
— but we have changed, a little.

(*Quelle: Sojourns in the Parallel World by Denise Levertov – Poems | Academy of American Poets)