Historische Weinkeller werden zu touristischen Attraktionen

In Grünberg/ Zielona Góra knüpft ein Festival an die Geschichte der Weinregion an

Drei Tage lang werden sich 25 Weingüter in 17 historischen Weinkellern in der Stadt präsentieren.

Vom 18. bis 20. Juni 2021 findet in Grünberg/ Zielona Góra das Lebuser Festival der Offenen Weinkeller und Weingüter (Lubuski Festiwal Otwartych Piwnic i Winnic) statt. Die Veranstalter sind das Marschallamt der Wojewodschaft Lubuskie, das Lebuser Weinbauzentrum (Lubuskie Zentrum Winiarstwa) in Saabor/ Zabór, die Stiftung Fundacja Tłocznia (Weinpresse), die Stiftung Gloria Monte Verde und die Lokalredaktion Zielona Góra der Tageszeitung Gazeta Wyborcza. An drei Tagen kann man 17 historische (normalerweise unzugängliche) Weinkeller besuchen und Wein von 25 Weingütern aus der Region Lubuskie verkosten, dabei sich über die beteiligten Weingüter informieren und mit den Winzern ins Gespräch kommen. Dies ist die erste Veranstaltung dieser Art in der Geschichte der Region.

Plakat des Lebuser Festivals der Offenen Weinkeller und Weingüter. Lubuskie Centrum Winiarstwa

Historisch gesehen liegt Zielona Góra in Schlesien, auch wenn die Stadt und Region heute zur Wojewodschaft Lubuskie gehört. Auch Grünberg, die größte Stadt im Nord-Westen Schlesiens, nannte sich konsequent Grünberg (Schlesien) bzw. Grünberg in Schlesien. So ist auch die Weintradition dieser Region im Kontext der Geschichte des Weinbaus in Schlesien zu sehen.

Die Weinkeller sind wohl der am besten erhaltene Teil der alten Grünberger Weinwelt, deren Existenz vielen Menschen selbst in Zielona Góra nicht bewusst ist. Oft wissen nicht einmal die Besitzer eines bestimmten Kellers etwas über dessen mit Weinbau verbundene Vergangenheit. Insgesamt gibt es hier über hundert erhaltene historische Weinkeller. Einige wurden mittlerweile für andere Nutzung umgebaut, aber viele sind heute noch in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Alles, was fehlt, sind Fässer und der Geruch von Wein. Aber auch das ändert sich.

Krzysztof Fedorowicz in seinem Weinkeller an der Wodna-Straße in Zielona Gora, Fot. Agencja Gazeta.

Eine der bekanntesten und markantesten alten Weinkeller der Stadt (in der Wodna-Straße), die bereits wieder als Weinkeller funktioniert, wurde 1786 von Johann Jeremias Seydel gebaut und wird heute von Krzysztof Fedorowicz, dem Winzer aus dem Weingut Winnica Miłosz (aus Loos/ Łaz östlich von Grünberg), Buchautor, Liebhaber der lokalen Geschichte und Gründer der Stiftung Fundacja Tłocznia (Weinpresse) gepachtet. Hier lagert er seine Weine, empfängt Besucher, organisiert Weinverkostungen. In dem Keller wird auch sein Grempler-Sekt produziert, der hier perfekte Bedingungen für die Reifung hat. Mit dem Namen bezieht er sich an den ersten deutschen Sekt überhaupt, der in Grünberg ab 1824 von der Firma Grempler & Co. nach der Champagner-Methode mit großem Erfolg produziert wurde.

Krzysztof Fedorowicz mit einem Glas Grempler-Sekt.

Dies ist der einzige Weinkeller dieser Art in Polen, der charakteristisch eher für die Region Bordeaux in Frankreich ist. Er ist einzigartig, da nicht unter einem Gebäude oder auf dem Gelände des Weinguts gebaut, sondern am Südhang eines Weinbergs, in einem der alten Grünberger Weinbezirke mit dem Namen Rodeland. Schon im 19. Jahrhundert war der Weinkeller ein Unikum und wurde als Sehenswürdigkeit vornehmen Gästen der Stadt gezeigt.

– Als ich diesen Keller vor ein paar Jahren zum ersten Mal sah, dachte ich, dass ich so einen Ort noch in keinem mir bekannten Weinbaugebiet gesehen habe. Weder in Mähren, der Slowakei noch in Österreich, erinnert sich Fedorowicz. – Mein zweiter Gedanke galt dem Wein, der in Grünberg produziert wurde. Wie viel Wein muss es damals gegeben haben, wenn solch riesigen Keller für seine Reifung gebaut wurden?

Als der Grünberger Winzer Johann Jeremias Seydel diesen Weinkeller im Jahre 1786 errichtete, gab es in ganz Schlesien rund dreieinhalb tausend Weinberge, davon 3100 allein in Grünberg und Umgebung. Die Stadt lebte mit und vom Wein. Er wuchs nicht nur um die Stadt herum sondern schon unmittelbar in der Innenstadt, in den Höfen, in den Gärten, bildete grüne Wände an der Südseite der Häuser. Das Phänomen der Allgegenwärtigkeit des Weins fiel auch dem amerikanischen Botschafter in Berlin und dem späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten, John Quincy Adams, auf, als er 1800 eine Reise durch Schlesien machte und seine Eindrücke als „Briefe über Schlesien“ veröffentlichte. Anfang des 19. Jahrhundert – wie auch hundert Jahre später – wurde der Wein in Grünberg in 13 Weinbezirken in etwa 2200 Weingütern auf 700 Hektar angebaut. Das ist mehr als heute in ganz Polen zusammen (etwa 620 Hektar).

Die bis ins 12. Jahrhundert zurückreichende Weintradition im östlichsten deutschen Weingebiet wurde 1945 unterbrochen. Für die neuen Machthaber des Landes stand der Wein als „Getränk der Bourgeoisie“ im Wiederspruch zu der kommunistischen Ideologie. Auch das Know-How fehlte. Die Weinberge wurden schrittweise aufgegeben, bis es Ende der 1970er Jahre keine mehr gab. Umgepflügt wurden sie zu Gemüse- und Obstgärten, Waldgebieten oder begehrten Baugrundstücken.

Erst nach der Wende kehrte das Thema langsam zurück – in der Regionalforschung, Vermittlung und in der landwirtschaftlichen Praxis. Jahrelange Recherchen und zahlreiche Publikationen des Historikers Mirosław Kuleba eröffneten Augen vieler auf die Vergangenheit der Stadt und die Bedeutung des Weinbaus für die Identität der Region. Immer mehr Weingüter werden gegründet, immer mehr Winzer und Regionalisten engagieren sich in Vereinen oder Stiftungen für die Popularisierung des Wissens rund um die Geschichte des Weinbaus. Im Muzeum Ziemi Lubuskiej (Museum des Lebuser Landes) in Zielona Góra ist mit dem Weinmuseum eine Dauerausstellung zur Geschichte des Weinbaus entstanden. Heutzutage wird Wein in und um Zielona Góra auf 140 Hektar angebaut. Das mit 33 Hektar flächenmäßig größte Weingut befindet sich in Saabor/ Zabór, wo auch das Lebuser Weinbauzentrum (Lubuskie Centrum Winiarstwa), Mitveranstalter des Festivals der Offenen Weinkeller und Weingüter, tätig ist.

Krzysztof Fedorowicz wird an dem Wochenende 18.-20. Juni in seinem (oder Johann Jeremias Seydels?) Weinkeller die Gäste empfangen. Die Besucher können hier hautnah einen einzigartigen geschichtsträchtigen Raum erleben und Bio-Weine vom Weingut Miłosz genießen.

Weinkeller von Krzysztof Fedorowicz, Fot. privat

Und diejenigen, die noch intensiver in die Vergangenheit eintauchen möchten, um die Gegenwart besser zu verstehen, sollen auch das neueste Buch von Krzysztof Fedorowicz mit dem Titel Zaświaty (Jenseits, Verlag Wydawnictwo Wysoki Zamek, 2020) lesen. Durch verschiedene Zeiten führt uns hier der für seinen Sekt berühmte August Grempler, der im pandemischen Jahr 2020 beschließt, die Grünberger Winzer und ihre Geschichten aus dem Jenseits ins Heute zu holen. Poetisch, bildhaft aber auch informativ werden hier wahre Begebenheiten erzählt. Zu literarischen Stoffen wurden außer Weinbau auch weitere wichtige Themen aus der Geschichte der Stadt Grünberg verarbeitet wie z.B. die sog. Hexenprozesse oder die Auswanderung der Altlutheraner aus der Grenzregion Schlesien-Brandenburg-Großpolen nach Südaustralien Mitte des 19. Jahrhunderts. Da sich unter ihnen auch Winzer fanden, lebt die Grünberger Weintradition bis heute in Barossa Valley, dem bekanntesten Weinbaugebiet Australiens.

Text: Agnieszka Bormann

Hinweis
Krzysztof Fedorowicz ist am 25.-26.06.2021 Gast bei Coolinaria, dem deutsch-polnischen Wein- und Genussfest in Görlitz. 

Praktische Informationen
Die historischen Weinkeller Grünbergs sind vom 18. bis 20. Juni fürs Publikum geöffnet. Während des Festivals ist der Eintritt zu den Kellern frei. Wenn man auch Wein verkosten möchte, empfiehlt sich der Kauf eines Tickets für drei Tage zum Preis von 100 Zloty (ca. 23 Euro) , mit dem man auch ein Glas bekommt und 20 Weinsorten probieren darf. Vor dem Eingang zu jedem Weinkeller gibt es eine Infotafel zu seiner Geschichte. Weitere Informationen zum Festivalprogramm und Begleitveranstaltungen (in polnischer Sprache) finden Sie unter Festiwal – Lubuskie Centrum Winiarstwa.

Folgende Weingüter (in alphabetischer Reihenfolge) beteiligen sich am Festival: Winnica Aris, Winnica Cantina, Winnica Gostchorze, Winnica Hiki, Winnica Ingrid, Winnica Julia, Winnica Kinga, Winnica Łukasz, Winnica Marcinowice, Winnica Milsko, Winnica Miłosz, Winnica Pod Lipą, Winnica Pod Lubuskim Słońcem, Winnica Pod Wieżą, Winnica Pod Winną Górą, Winnica Saganum, Winnica Saint Vincent, Winnica Senator, Winnica Stara Winna Góra, Winnica Trojan, Winnica Vae Soli, Winnica Winne Tarasy, Winnica Winnogóra, Winnica Żelazny.