Zeitreise nach Pitschen (Byczyna) im Norden Oberschlesiens

Der komplett erhaltene Mauerring ist eine Seltenheit in der Region

Jahrhundertelange Lage an der schlesisch-polnischen Grenze spiegelt sich in der Geschichte der Stadt wider. 

Obwohl die Stadt Pitschen (Byczyna) im Norden Oberschlesiens zu den recht wenigen in der Region zählt, die einen komplett erhaltenen Mauerring vorweisen können, erlebt sie keinen großen Andrang der Touristen. Vielleicht ist die periphere Lage daran schuld, dass Pitschen selbst innerhalb Oberschlesiens immer noch nicht allgemein bekannt ist. Dabei kann das Städtchen trotz der Kriegszerstörungen und des nicht gerade musterhaften Zustandes mancher Objekte auf mehrere interessante Baudenkmäler stolz sein. Sein Wahrzeichen sind seit Jahrhunderten die malerischen Türme der mittelalterlichen Nikolai-Kirche, des Rathauses und der beiden Stadttore. Für Oberschlesien-Besucher und -Interessierte müsste daher ein Besuch in Pitschen und ein Bummel durch die engen Gassen der etwas verschlafen wirkenden Altstadt ein Pflichtpunkt ihres Programms sein.

Pitschen von Norden gesehen. Foto. D. Smolorz.

Die Stadt gilt als die älteste im Kreis Kreuzburg (Kluczbork). Wann genau sie gegründet wurde, ist nicht bekannt. Die erste Erwähnung fand sie 1228 in einer Urkunde des Herzogs Heinrich I. von Schlesien. Sechs Jahrhunderte lang beeinflusste die Nähe der Grenze die Entwicklung von Pitschen. In diesem Falle war sie häufiger ein Vorteil als Nachteil, da die Trennlinie zwischen Schlesien und Polen über längere Zeiträume – um einen Begriff aus der sozialistischen Zeit zu verwenden – als Friedensgrenze bezeichnet werden konnte.

Altstadt in Pitschen. Foto. Nationales Digitalarchivs Warschau (Narodowe Archiwum Cyfrowe w Warszawie, NAC) , Sammlung Landesbildstelle Oberschlesien.

Zu Auseinandersetzungen kam es ab und zu dennoch. Beispielweise musste der österreichische Kronprinz Maximilian von Habsburg 1588 ausgerechnet vor den Toren von Pitschen den Traum von der polnischen Krone aufgeben. Seine Verbände wurden auf eigenem Gebiet (ganz Schlesien gehörte damals zur Habsburgermonarchie) von der polnischen Armee, die den schwedischen Kandidaten Sigismund Wasa unterstützte, angegriffen und geschlagen. Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war Pitschen wiederum Schauplatz einer der vielen Provokationen, mit denen Berlin einen Vorwand für den Angriff auf Polen schaffen wollte. Eine Gruppe von SS-Männern, die als polnische Freischärler verkleidet waren, beschoss am 31. August 1939 ein am Rande des Städtchens, nahe der polnischen Grenze gelegenes Forsthaus.

Stadtmauer und evangelische Nikolaikirche. Foto. D. Smolorz.

Die Chroniken von Pitschen erwähnen zudem einen weniger seriösen, auch wenn mit Sicherheit lästigen Konflikt mit den Nachbarn. Mehr als drei Jahrhunderte lang führten die Bürger Pitschens mit den Einwohnern des am polnischen Ufer gelegenen Dorfes Wójcin den „Heukrieg“ – einen Streit um die Wiesen am Grenzfluss Prosna. In dessen Rahmen kam es mehrmals zu Schlägereien und Schießereien. Erst 1835 wurde der Konflikt durch ein Grenzabkommen endgültig zugunsten der Pitschener gelöst.

Stadtmauer mit Polnischem Torturm. Foto. Wikimedia Commons, Gorofil.

Heute hat das Städtchen ca. 3.500 Einwohner. Es liegt an der relativ verkehrsreichen Nationalstraße DK 11, die den Ballungsraum um Kattowitz (Katowice) mit Posen (Poznań) verbindet. In der Nähe befindet sich eine weitere, untypische, aber deutlich jüngere Sehenswürdigkeit, nämlich die Ritterburg Pitschen

Text: Dawid Smolorz