Ein Oberschlesier, der Moskau herausforderte

Pfarrer Franciszek Blachnicki – Gründer der Jugendbewegung „Oase“

Die Todesumstände des Geistlichen blieben über Jahrzehnte ungeklärt. Heute gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass der polnische Sicherheitsdienst dahinterstand.

Zum Erzfeind Kremls und seiner polnischen Vasalen wurde Pfarrer Franciszek Blachnicki (1921-1987) aus mehreren Gründen. Nicht nur machte er keinen Hehl daraus, dass er den kommunistischen Anspruch auf Alleinherrschaft nicht akzeptierte. Auch rang er kompromisslos um die Seelen der Jugendlichen, prangerte die in der Volksrepublik Polen weit verbreitete Trinksucht als Mittel zur Versklavung der Gesellschaft an und träumte vom freien Mitteleuropa.

Franciszek Blachnicki (1921–1987). Quelle: Institut für Nationales Gedenken (IPN), Wikimedia Commons.

Im Jahr 1957 gründete der damals junge Priester die Initiative „Kreuzzug der Nüchternheit”, in der sich innerhalb von nur drei Jahren 1.000 Geistliche und über 100.000 Weltliche engagierten. Die Behörden lösten sie 1960 als staatsfeindlich auf und verhafteten Blachnicki ein Jahr später wegen angeblicher „Verbreitung falscher Nachrichten über die Verfolgung der Kirche in Polen“. Daraufhin verbrachte er vier Monate im berüchtigten Gefängnis an der Ulica Mikołowska in Kattowitz (Katowice) demselben, in dem er 1942 als Mitglied des polnischen Untergrunds von den Nazis inhaftiert gewesen war.

Franciszek Blachnicki als Auschwitz-Häftling 1940. Über ein Jahr war er in diesem Konzentrationslager inhaftiert. Später verurteilte ihn das Sondergericht Kattowitz „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode. Das Urteil wurde schließlich in zehn Jahre Gefängnis umgewandelt. Quelle: Auschwitz-Birkenau Museum, Wikimedia Commons.

Bereits vor seiner Festnahme durch die Kommunisten veranstaltete Blachnicki 1954 in Bibella (Bibela) bei Tarnowitz (Tarnowskie Góry) erstmals Besinnungstage für Jugendliche. Dieser Sommeraufenthalt gilt als die Geburtsstunde der katholischen Bewegung „Licht-Leben“ (Ruch Światło-Życie), auch „Oase“ (Oaza) genannt, die sich Ausbildung und Betreuung von Jugendlichen im katholischen Geiste zum Ziel setzte. In den 1960er Jahren gelang es dem Geistlichen, diese regionale Initiative in eine informelle, polenweite Organisation zu verwandeln. Ferienaufenthalte und Einkehrtage erwiesen sich als attraktives Modell der Jugendevangelisierung und zugleich als wirksames Mittel gegen die von den Behörden konsequent betriebene Atheisierung der polnischen Gesellschaft. An der Schwelle der 1970er zu den 1980er Jahren war „Licht-Leben“ bereits eine Massenbewegung. Für die kommunistischen Machthaber stellten die Aktivitäten Blachnickis nachvollziehbarerweise eine große Gefahr dar. Es kann daher nicht verwundern, dass gegen ihn eine massive Bespitzelungs- und Diffamierungsaktion unternommen wurde, die allerdings nicht die erwarteten Ergebnisse brachte.

Als General Wojciech Jaruzelski, Moskaus Statthalter in Polen, am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht verhängte und damit der 15 Monate zuvor begonnenen friedlichen Solidarność-Revolution brutal ein Ende setzte, befand sich Pfarrer Blachnicki auf einer Reise in Rom. Da ihm in der veränderten Situation eine erneute Verhaftung drohte, entschied er sich, im Auslang zu bleiben. Von seinen Vorgesetzten bekam er den Auftrag, im pfälzischen Carlsberg ein Evangelisierungszentrum zu gründen. Doch wieder tat der agile Priester mehr als von ihm erwartet. Neben dem „Internationalen Evangelisationszentrum Licht-Leben“ entstand der „Christliche Dienst für die Befreiung der Völker“ – eine Einrichtung, die sich für die Bekehrung Polens und Ostmitteleuropas einsetzte. In deren Rahmen veranstaltete Blachnicki u. a. Seminare für Exilanten und schuf Netzwerke, die aktive Menschen aus den im sowjetischen Machtbereich befindlichen Ländern miteinander verband. Früchte dieser Bestrebungen waren die „Carlsberger Erklärung“ und das „Manifest für die Befreiung der Völker Mittel- und Osteuropas“. Mit diesen Initiativen machte sich der Geistliche, der bei den polnischen Kommunisten bereits seit den 1950er Jahren für große Kopfschmerzen sorgte, nun auch zum Erzfeind Moskaus.

Pfarrer Franciszek Blachnicki und Erzbischof von Krakau Karol Wojtyła, späterer Papst Johannes Paul II., während einer Oase-Begegnung in den 1970er Jahren.

Im Jahr 1984 gelang es dem polnischen Sicherheitsdienst, im nächsten Umfeld Blachnickis ein Agenten-Ehepaar zu platzieren. Die angeblichen politischen Flüchtlinge sammelten Informationen über den Emigranten und zersetzten Schritt für Schritt das Werk des „katholischen Ajatollahs“ – wie ihn die kommunistische Propaganda manchmal bezeichnete. Wahrscheinlich durchschaute der Oberschlesier Anfang 1987 die wahren Absichten seiner „Mitarbeiter“ und wurde von ihnen deshalb vergiftet. Lange waren die Todesumstände des Geistlichen unklar. Erst 2023 ergaben die Ermittlungen des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (IPN), dass Pfarrer Blachnicki Opfer eines Mordes geworden war.

Symbol der Bewegung „Licht-Leben“. Quelle: Maciles, Wikimedia Commons.

Im Jahr 1995 wurde dem Gründer der „Oase“ der Titel des Ehrwürdigen Dieners Gottes zuerkannt. Staatspräsident Andrzej Duda verlieh ihm wiederum 2023 posthum den Orden des Weißen Adlers, das höchste Ehrenzeichen der Republik Polen. Die von dem Geistlichen ins Leben gerufene Bewegung „Licht-Leben“ verwandelte sich nach 1989 in eine internationale Initiative und ist in über 30 Ländern aktiv.

Internetpräsenzen der deutschen und der polnischen Sektion der Bewegung „Licht-Leben“: www.licht-leben-jugend.de, www.oaza.pl

Text: Dawid Smolorz