Die Liegnitzer Bomben nicht nur für den Kaiser…

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Rezeptur nach Deutschland genommen, im polnischen Legnica gerieten sie in Vergessenheit

Heute kann man die alte Pfefferkuchen-Spezialität wieder genießen.

Die Liegnitzer Bombe ist ein historisches, traditionelles Gebäck aus Niederschlesien, das vor dem Zweiten Weltkrieg in ganz Deutschland bekannt war. Man könnte sagen, sie war eine kulinarische Visitenkarte der Stadt Liegnitz (heute Legnica) und wurde damals von drei verschiedenen Manufakturen hergestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Rezeptur nach Deutschland genommen. Dort wurden die Bomben weiter hergestellt, in Liegnitz gerieten sie in Vergessenheit. Vor einiger Zeit wurde die Rezeptur von Jürgen Gretschel, dem Vorsitzenden der deutschen Minderheit in Liegnitz vorgestellt. Heute kann man das Gebäck wieder in Legnica, z.B. in „Bistro Magistracka“ im neuen Rathaus oder in Wrocław (Breslau) in der Markthalle kaufen. Sie wird von der Lebkuchen-Manufaktur „Pierniki Wrocławskie“ von Anna Kuśmierek-Rudy und Jacek Rudy hergestellt.

Die niederschlesische Spezialität aus Liegnitz – die Liegnitzer Bombe.

Historischer Rückblick

Im Jahre 1853 eröffnete der niederschlesische Zuckerbäcker Hermann Müller seine Konditorei in Liegnitz in der Frauenstraße 64 (heute ul. Najświętszej Maryi Panny). Zwanzig Jahre später knüpfte er Kontakte mit der Schokoladenfirma Stollwerk aus Köln. Bestimmt hat er schon damals nach einer Spezialität gesucht, die das Gebäck mit der Schokolade verbinden konnte. Aber erst sein jüngerer Bruder Eduard Müller hat diese Pläne realisiert.

Die ehemalige Frauenstraße mit der Konditorei der Gebrüder Müller, in der die Liegnitzer Bomben hergestellt wurden (Quelle: www.polska-org).

Eine Anregung dazu gab der Besuch von Kaiser Wilhelm I., der 1875 in Liegnitz stattgefunden hat. Im Zuge der Vorbereitungen für den Empfang eines so hohen Gastes mussten die Behörden der Stadt feststellen, dass Liegnitz, das für seine Gurken und sein Sauerkraut bekannt war, keine Spezialität besaß, mit der es den Monarchen würdig empfangen konnte. Zur Hilfe kam Eduard Müller, der einen mit Schokolade überzogenen Lebkuchen mit Marzipan und Nüssen vorschlug. Man nannte es „Liegnitzer Bombe“. Warum so? Heutzutage würde man an die Kalorien denken. Damals war das rundförmige Gebäck ein Symbol für den Sieg Preußens über Frankreich und entsprach somit dem Geist der Zeit. Die Besonderheit des Gebäcks war der Schokoladenüberzug. Damals setzte das Unternehmen der Gebrüder Stollwerk auf die technologische Entwicklung und begann mit der Herstellung von Schokolade, die sich auch als Glasur eignete. Zuvor hatten die Konditoren keine derartig einfach zu verwendende Glasur zur Verfügung, so dass diese Art von Dekoration eher selten vorkam. Obwohl der Kaiser keine Möglichkeit hatte, die Spezialität zu verkosten, war Hermann Müller mit der Erfindung des jüngeren Bruders so zufrieden, dass er ihn mit ins Familiengeschäft einnahm – seit November 1875 konnte man nämlich schon den Namen „Gebrüder Müller“ auf den Seiten des „Liegnitzer Stadtblattes“ finden.

Die Konditorei von Carl Meyenburg – der größte Hersteller der Liegnitzer Bomben. Die Manufaktur beschäftigte 30 Personen (www.liegnitz-pl).

Die Liegnitzer Bombe wurde nicht patentiert, deshalb wurde sie in den 1880er Jahren auch von den anderen Konditoren gebacken, darunter auch von der zweiten Linie der Familie, die ihr Geschäft in dem Bürgerhaus am Ring 29 (Rynek 29) in Liegnitz betrieb. Im Jahr 1884 begann das Unternehmen von Franz Meyenburg mit dem Backen in fast industriellem Maßstab, und die Bombe wurde zu einem Klassiker der niederschlesischen Backwaren. In der Adventszeit wurde sie in den meisten niederschlesischen und deutschen Städten angeboten. Elegant verpackt, wurde sie als Weihnachts- und Geburtstagsgeschenk verschenkt.

Das Firmengeschäft von Carl Micksch in Breslau. Hier tauchten zum ersten Mal die Liegnitzer Bomben auf (www.feinste-pralinen.de/ueber-uns/)

Im Jahre 1884 tauchte sie in Glogau und 1886 in Breslau in der Konditorei von Carl Micksch in der Ohlauer-Straße auf. Nach 140 Jahren kann man sie wieder in Niederschlesien verkosten.

Text und Bilder (wenn nicht anders angegeben): Małgorzata Urlich-Kornacka