Die Hauptstädte von Niederschlesien und Hessen verbindet seit 1987 eine Städtepartnerschaft – und vieles mehr
Małgorzata Urlich-Kornacka hat zehn verbindende Elemente gefunden.
Breslau (Wrocław) hat 18 Partnerstädte (zur Zeit 17 – die Partnerschaft mit dem weißrussischen Grodno wurde aufgehoben), darunter zwei in Deutschland: Dresden und Wiesbaden.
Die 1959 geschlossene Partnerschaft mit Dresden ist die älteste in der Nachkriegsgeschichte von Wrocław. Das 65. Jubiläum wurde 2024 gefeiert, indem eine neue Erklärung über die Zusammenarbeit zwischen Wrocław und Dresden unterzeichnet wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Ausstellung „Dresden-Wrocław-Drezno-Breslau: Vier Namen. Zwei Städte. 65 Jahre Partnerschaft“ im Kraszewski-Museum eröffnet und ein literarischer Zwerg enthüllt (Dresden hat inzwischen drei).
Die Partnerschaft mit Wiesbaden wird 2027 ein rundes Jubiläum – 40 Jahre – feiern. Wir möchten auf zehn Dinge aufmerksam machen, die die beiden Städte verbinden.
1. Die Städtepartnerschaft
Der Vertrag wurde am 30. November 1987 in Wiesbaden unterschrieben: https://www.silesia-news.de/2025/01/17/80-geburtstag-achim-exner/. Er war wirklich besonders, weil es damals noch offiziell keine Grenzanerkennung zwischen BRD und Volksrepublik Polen gab. Er hieß „Rahmenvertrag über die Zusammenarbeit zwischen der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden in der Bundesrepublik Deutschland und der Stadt Wrocław (bis 1945 Breslau) in der Volksrepublik Polen“. Der Ideengeber der Partnerschaft war der in Breslau geborene und später langjährige Oberbürgermeister von Wiesbaden Joachim (Achim) Exner. Von der polnischen Seite wurde der Vertrag von dem Stadtpräsident Stefan Skąpski unterschrieben, der vor kurzem eigene Erinnerungen in Form eines Büchleins veröffentlichte. Vielleicht sehen sich die beiden ehemaligen Oberbürgermeister 2027 beim 40. Jubiläum der Partnerschaft…

2. Die Partnerschaftszwerge
Anlässlich des 25-Jubiläums der Partnerschaft wurde der Zwerg „Wiesiek Partnerski“ auf dem Fensterbrett des Sekretariats des Stadtpräsidenten in Breslau enthüllt. Er trägt das Wappen von Wiesbaden. Den zweiten Partnerschaftszwerg kann man im Wiesbadener Rathaus vor dem Büro für Auslandsbeziehungen sehen. Die Autorin der Zwerge ist Beata Zwolańska–Hołod, die als „Mutter Zwerg“ genannt wird.

3. Deutsch-Polnischer Verein Wiesbaden – Wrocław e.V.
Der Deutsch-Polnische Verein Wiesbaden – Wrocław e.V. ist ein gemeinnütziger Verein. Er wurde 1988 von Bürgerinnen und Bürgern gegründet – ein Jahr nach Abschluss des Partnerschaftsvertrags. Die Annäherung beider Städte begann in einer Zeit, in der ein Eiserner Vorhang Europa in zwei Hälften teilte und die Entfernung zwischen den beiden Städten jeden Austausch zu einem anspruchsvollen Projekt machten. Heute will der Verein vor allem in den Bereichen Kultur und Kunst Begegnungen fördern, um so die Beziehungen und das Verständnis zwischen den Bürgern beider Städte wachsen zu lassen. „Wir kooperieren mit Menschen und Institutionen mit dem Ziel, die deutsch-polnische Verbundenheit zu fördern – getragen von gelebter Freundschaft, Solidarität und Toleranz. Willkommen sind alle, die uns auf diesem Weg unterstützen und begleiten möchten“ – sagt der Vereinsvorsitzende Krzysztof Kidula.

4. Der Studentenaustausch zwischen der Wiesbadener und der Breslauer Karol-Lipiński-Musikakademie
Im Mittelpunt der Partnerschaft zwischen der hessischen und niederschlesischen Hauptstadt steht der kulturelle Austausch. Vor drei Jahren wurde eine enge Zusammenarbeit zwischen der Wiesbadener und der Breslauer Karol-Lipinski-Musikakademie angeknüpft. Die musikalisch begabten Studenten haben die Möglichkeit, ihr Talent im Ausland zu präsentieren, neue Freundschaften über die Grenzen hinweg zu schließen und Ideen auszutauschen. Es wurden schon drei Konzerte organisiert (abwechselnd in Breslau und in Wiesbaden), wo die Studenten beeindruckende Leistungen gezeigt haben: das Konzert am 29.11.2024 in Breslau, das Konzert “Happy Birthday, Frédéric” am 1. März 2025 in Wiesbaden und das III. Deutsch-Polnische Klavierkonzert am 12.12. 2025 in Breslau. Die Begegnung der Studierenden beider Länder wurde vom Deutsch-Polnischen Partnerschaftsverein Wiesbaden-Wrocław mit der Unterstützung des Kulturamts Wiesbaden ins Leben gerufen. Die Konzerte in Breslau stehen unter der Schirmherrschaft des deutschen Generalkonsuls Martin Kremer.


5. Geschichte einer Grafik – Johannes von Mikulicz-Radecki (Jan Mikulicz-Radecki)
Johannes von Mikulicz-Radecki (1850-1905) war ein herausragender Arzt und „Vater” der modernen Chirurgie. Mikulicz war ein Meister seines Fachs: „Er operierte schnell, sicher, geradezu präzise wie ein Uhrmacher, ohne größeren Blutverlust”. Er ging als Pionier der Antisepsis (Desinfektion) und Asepsis – Maßnahmen zur Infektionsprävention – in die Geschichte ein. Er führte in der Breslauer Klinik Handschuhe, Schutzmasken, Hauben und Kittel ein, war Autor von über zweihundert wissenschaftlichen Arbeiten, Konstrukteur chirurgischer Instrumente, darunter der Mikulicz-Zange (sie zeichnet sich durch eine gebogene Form und oft eine feine, kombinierte Zahnung), Erfinder des Gastroskops und dreifacher Ehrendoktor der Universitäten Edinburgh (1898), Glasgow (1901) und Philadelphia (1903). In der Klinik in Breslau schuf er für seinen Assistenten Ferdinand Sauerbruch die Voraussetzungen für die Konstruktion einer Unterdruckkammer (die am 6. April 1904 auf dem Chirurgenkongress in Berlin vorgestellt wurde) und führte mit ihm die erste Operation zur Öffnung des Brustkorbs und Entfernung eines Mediastinaltumors durch. Die letzten 15 Jahre seines Lebens verbrachte er in Breslau und Freiburg in Schlesien (Świebodzice).

Im Jahr 1903 schenkte der damalige Oberbürgermeister von Breslau, Georg Bender, Mikulicz-Radecki in Anerkennung seiner Verdienste um die Klinik eine Grafik mit einer Ansicht des Breslauer Rathauses. Nach vielen Jahren, im Jahre 2013, kehrte die Grafik als Geschenk von Mikulicz‘ Urenkelin Gerda Hofe aus Wiesbaden nach Breslau zurück. Sie wurde der Medizinischen Universität vom damaligen Stadtpräsidenten Rafał Dutkiewicz übergeben. Sie hängt heute im Kabinett des Rektors.
6. Marek Hłasko
Marek Hsko gehört zu den hervorragendsten polnischen Schriftstellern und Drehbuchautoren des 20. Jahrhunderts. Als 12-jähriger Junge kam er nach Breslau, wo er einige Jahre verbrachte. In den 50er Jahren wurden anhand von seiner Erzählungen Filme gedreht, u. a. “Der achte Wochentag” von Aleksander Ford. Bei den Dreharbeiten lernte Hłasko in Wrocław die deutsche Schauspielerin Sonja Ziemann kennen, die bald seine Frau wurde.
Nachdem er zum „Verräter des Sozialismus“ erklärt wurde, wurde ihm die Rückreise nach Polen verweigert. Er musste im Exil leben. Seine letzten Jahre verbrachte er in Israel, wo seine Erzählung „Alle hatten sich abgewandt“ mit Sonja Ziemann in der Hauptrolle vom ZDF verfilmt wurde. Weil noch weitere Filme entstehen sollten, ist Marek Hłasko nach Wiesbaden gekommen. Er wollte mit dem ZDF-Redakteur Hans-Jürgen Bobermin die Einzelheiten besprechen. Leider starb Marek Hłasko unerwartet am 14. Juni 1969 in Wiesbaden an einer Überdosis von Schlaftabletten und Alkohol. Er wurde auf dem Wiesbadener Südfriedhof begraben. Im Jahre 1975 wurde seine Asche nach Warschau gebracht. In Wiesbaden blieb nur sein symbolisches Grab. Vor kurzem wurde das Grab vom Deutsch-Polnischen Verein Wiesbaden – Wrocław e.V. gepflegt und mit frischen Blumen bepflanzt.
In Wiesbaden wohnt auch Małgorzata Wolf – ihr Vater Andrzej Czyżewski hat die Biographie von Marek Hłasko „Piękni dwudziestoletni“ / „Die schönen Zwanzigjährigen“ geschrieben.

7. Manfred von Richthofen – der Rote Baron
Manfred Freiherr von Richthofen wird zu den herausragenden und gefährlichsten Jagdfliegern des Ersten Weltkriegs gezählt. Er wurde am 2. Mai 1892 in Kleinburg (Borek), damals Vorort von Breslau geboren. Sein Elternhaus stand an der Kreuzung Goethestraße und Kaiser-Wilhelm Straße (heute ul. Wielka / ul. Powstańców Śląskich). Das Haus wurde während des Zweiten Weltkrieges zerstört. Die ersten Lebensjahre verbrachte der kleine Manfred in der Nähe von Breslau, auf dem Gut Schloss Romberg (Samotwór), das seinen Großeltern gehörte. Das Gut wurde wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten verpachtet und schließlich verkauft. Zum Zeitpunkt seines Todes war Manfred von Richthofen 26 Jahre alt und hatte 80 Siege auf seinem Konto. Er wurde am 21. April 1918 wahrscheinlich vom Sergeant Cedric Popkin abgeschossen. Richthofen wurde am 22. April 1918 in Bertangles (Frankreich) beerdigt, dann nach Berlin und letztendlich nach Wiesbaden umgebettet. Seit 1961 ruhen Richthofens sterbliche Überreste im Familiengrab auf dem Südfriedhof Wiesbaden.

8. Marek Krajewski
Der bekannte Breslauer Krimiautor Marek Krajewski hat seine neue schriftstellerische Laufbahn (früher war er Hochschullehrer für Latein an der Universität Wrocław) 1997 begonnen. Als das große Hochwasser 1997 die Stadt heimsuchte, hat Krajewski schnell die Familie mitgenommen und die Stadt verlassen. Aus Langeweile begann er im Urlaub seinen ersten Krimi zu schreiben. Und so wurde zwei Jahre später der Krimi-Zyklus mit dem Kriminalrat Eberhard Mock eingeleitet. Im Jahr 2003 erschien der Roman „Kalenderblattmörder“ („Koniec świata w Breslau“). In diesem Roman wird eine giftige Ehebeziehung Mocks zu seiner ersten, 20 Jahre jüngerer Frau, Sophie von Finckl, geschildert. Als sie von Mock misshandelt wurde, floh sie nach Wiesbaden. Im Wiesbadener Kasino wurde um den Körper von Sophie gespielt.

9. Der Film „Phantom“ und die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden
Im Jahre 1922 feierte der große schlesische Schriftsteller und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann seinen 60. Geburtstag. Ein besonderes Geschenk machte ihm der berühmte Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, der seine Erzählung „Phantom“ verfilmte. In den ersten Sekunden des Stummfilms können die Zuschauer Gerhart Hauptmann persönlich sehen, wie er auf einem Feldweg einen „produktiven Spaziergang“ macht. Die Szenen wurden wahrscheinlich in Agnetendorf (heute Jagniątków, Teil von Hirschberg)/Jelenia Góry aufgenommen. Die Handlung spielt aber überwiegend in Breslau, obwohl der Name der Stadt im Film überhaupt nicht auftaucht (im Gegenteil zu der Erzählung). Man sieht aber das Breslauer Rathaus mit der Uhr aus dem 16. Jahrhundert, den Marktplatz und den Pranger. Deshalb waren alle überzeugt, dass hier gedreht wurde. Mit der Zeit stellte sich aber heraus, dass das Rathaus und die Bürgerhäuser originaltreu auf dem Gebiet der Decla-Bioscop im heutigen Babelsberg in Potsdam gebaut wurden. Der Film wurde 2002/03 auf der Grundlage des Originalnegativs und Fragmenten eines Dup-Negativs durch Luciano Berriatùa und Camille Blot-Wellens im Auftrag der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die ihren Sitz in Wiesbaden hat, rekonstruiert.

10. Die Filmreportage „Los / Das Schicksal” von Joanna Mielewczyk – Radiojournalistin und Autorin der Buchreihe „Breslauer Häuser“ (Kamienice)
Die Protagonisten des Filmes sind der Pole Jerzy Podlak aus Breslau und der Deutsche Jürgen Hempel aus Wiesbaden, die als 13- und 12-jährige Jungen die Festung Breslau und die Zeit kurz danach er- und überlebt haben. Sie lernen sich erst nach vielen Jahren kennen und im Gespräch mit Bartek Gaweł, dem 13-jährigen Sohn der Journalistin, berichten darüber, wie das Leben hier während des Krieges war und wie der Krieg ihr Leben beeinflusst und für immer verändert hat. Sie sprechen über denselben Moment in der Geschichte der Stadt – über die Belagerung der Festung Breslau durch die Rote Armee und über das alltägliche Leben in der belagerten Stadt. Zwei unterschiedliche Perspektiven: eines Deutschen und eines Polen und doch sehr ähnlich, denn mit den Kinderaugen betrachtet: https://www.silesia-news.de/2023/02/14/schicksal-feiert-premiere-in-breslau/

Text und Bilder: Małgorzata Urlich-Kornacka
